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Nahrungsquelle und Freizeitspaß

Vor 100 Jahren wurde der Wilmersdorfer See zugeschüttet

Erschienen in Gazette Wilmersdorf Februar 2020
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Nahe der Wilhelmsaue, dort, wo heute Sportler Fuß- und Basketball spielen, holten die früheren Dorfbewohner Fische aus dem Wasser und tränkten ihr Vieh. Der See gehörte zu einer Nebenrinne der eiszeitlichen Grunewaldseenkette.

Als die Stadt Berlin immer näher rückte und die Bauern durch den Verkauf ihrer Äcker zu „Millionenbauern“ wurden, brachen auch für den Wilmersdorfer See neue Zeiten an. An seinem Ufer eröffnete Otto Schramm, der Sohn eines Wilmersdorfer Bauern, um 1880 ein Seebad und einen Kaffeegarten. Aus dem Kaffeegarten entwickelte sich schon bald ein mondäner Tanzpalast mit Biergarten und Restaurant. Nun war es gesellschaftlich schon fast eine Verpflichtung, nach Wilmersdorf zu fahren. Man erholte sich im Seebad und amüsierte sich auf der Tanzfläche. So mancher verarmte Adelige konnte sich hier sanieren, indem er eine „Dorfschöne“ aus vermögendem Haus zur Frau nahm. Verliebte Pärchen setzten sich in einen Kahn und ruderten im Mondschein über den Wilmersdorfer See. Otto Schramm ließ sich nicht lumpen. Es gab Ställe für die Pferde der Gäste, Unterstände für die Kuschen, Musik von Kapellen der Garderegimenter und Feuerwerk. Um die Vergnügungsstätte herum lud ein gepflegter Park zum Flanieren ein.

Die goldenen Zeiten des Tanzpalasts am Wilmersdorfer See gingen nicht lange. Otto Schramm starb mit nur 54 Jahren. Er erlebte den Niedergang seines Tanzpalasts nicht mehr. Die Konkurrenz schlief nicht und der Lunapark am Halensee war schon bald ein viel größerer Besuchermagnet. Erschwerend kam dazu, dass der Wilmersdorfer See zusehends verlandete. Durch den Ausbau der städtischen Kanalisation wurde der Schwarze Graben, der natürliche Zufluss zum See, trocken gelegt. Außerdem fingen die Wilmersdorfer an, ihren Müll im See zu entsorgen. Der daraus resultierende Gestank verleidete den Aufenthalt im Restaurant. 1920 wurde der See endgültig zugeschüttet. Auf dem Gelände des Tanzpalasts erbaute man 1925 eine große Wohnanlage, den Schrammblock.

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