Gazette Verbrauchermagazin

Wo der Kunde noch König ist

65 Jahre Ladenzeile, in denen das Herz der Künstlerkolonie schlägt

Die Ladenzeile im Jahr 1956 vom Südwestkorso aus gesehen. Foto: Landesarchiv Berlin, Fotograf Bert Sass
Die Ladenzeile im Jahr 1956 vom Südwestkorso aus gesehen. Foto: Landesarchiv Berlin, Fotograf Bert Sass
Erschienen in Gazette Wilmersdorf Mai 2020
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Zwischen 1927 und 1931 wurde als günstiger Wohnraum für deutsche Schriftsteller und Künstler der inzwischen unter Denkmalschutz stehende Altbauteil der Künstlerkolonie Berlin-Wilmersdorf rund um den Laubenheimer Platz (heute Ludwig-Barnay-Platz) errichtet. 1955 gesellten sich westlich davon etliche Erweiterungsbauten hinzu, deren Abschluss als eingeschossige Ladenzeile am Breitenbachplatz seit 65 Jahren die „Läden der Künstlerkolonie“ zwischen Südwestkorso und Kreuznacher Straße bilden.

Auch wenn es dort gerade in den letzten Jahren immer wieder zum Wechsel kam und der dringende Sanierungsbedarf des Erweiterungsbaus auf der Hand liegt, sind einige Läden für die Anwohner und Nachbarn nicht mehr aus ihrem Umfeld wegzudenken: Der …nah und gut-Laden von Familie Reiche gehört ebenso dazu wie das Blumen-Fachgeschäft der Familie Inguanta, und seit Oktober 2019 ist nun Ursula Bach-von Wolff mit ihrem Modegeschäft für Damenoberbekleidung dazugekommen, die ihren Laden zuvor in der Forststraße „gleich um die Ecke“ hatte.

Was sie alle verbindet: Die Nähe zum Kunden, die, statt von schnellem Verkauf, von Zuhören, Beraten und von der Erfüllung an sie herangetragener Sonderwünsche geprägt ist. Und auch untereinander halten die Ladeninhaber in „ihrer“ Ladenzeile zusammen. Dabei gilt für alle: Hier ist der Kunde König – in unserer hektischen, materiell geprägten Zeit eine eher selten gewordene Verkaufstugend.

…nah und gut versorgt

Reichelt – Edeka – …nah und gut: Die Anwohner sind mit der Filiale in der Ladenzeile der Künstlerkolonie an der Kreuznacher Straße alt geworden und wollen sie nicht mehr missen. Inzwischen kommt auch schon ihr Enkel aus der dritten Generation zum Einkaufen vorbei, der nun selbst gleich um die Ecke wohnt. Bedürfnisse, die früher der Tante Emma-Laden von gegenüber abdeckte, befriedigt heute die Filiale der Familie Reiche mit großem Herzen und klarem Verstand.

In zweiter Generation führt Christian Reiche mit seiner Ehefrau Frauke den Nahversorgungs-Laden, der auf 320 Quadratmetern immerhin über 6.000 Artikel anbietet. Ihre Söhne (14 und 18 Jahre) aus der dritten Generation schauen in den Schulferien regelmäßig vorbei.

„Es ziehen immer mehr jüngere Familien in die Gegend, wie man an der Käuferschicht sehen kann“, erklärt der Geschäftsleiter, der das ältere Klientel bei allem Wandel nicht aus den Augen verlieren will.

Aufgebaut haben den Familienbetrieb bereits Christians Eltern: Vater Harald, der noch zwei weitere Läden in Mariendorf und Eichwalde führte, und seine Mutter, deren hausgebackenen Käse- und Apfeltorten in der gut sortierten Kuchentheke auch heute noch DAS besondere Highlight sind.

Seit 10 Jahren arbeitet Christian in dem Laden, nun selbst der Chef. Fachfrau Frauke ist dabei seine rechte Hand, hinter sich wissen beide 12 Mitarbeiter, darunter ihre Assistenten Frau Tornack und Herrn Stolpe.

Dass mit dem Personal alles steht und fällt, ist keine neue Weisheit. Bei Reiches gibt es wenig Mitarbeiterwechsel, was der Kunde zu schätzen weiß. Da sind Kolleginnen, die über 25 Jahre, seit „Reichelt“-Zeiten, dabei sind: Frau Miritzsch hat seit 27 Jahren immer einen liebenswerten Berliner Spruch parat, mit dem sie die Kunden aus der Reserve zu locken und unverkrampfte Stimmung zu verbreiten vermag. Und die zierliche Beata gibt alles, um für ihre Kunden auch das hinterste, unbedingt gewünschte Brötchen aus der Auslage angeln zu können. Das entspannte Ladenklima überträgt sich unweigerlich auf die Käufer, überwiegend Stammkunden.

„Wir sehen uns als kleine Nahversorger“, betont Christian Reiche, der sich nicht mit den Riesenfilialen messen will. Wer hier kauft, sucht keine Hektik, sondern vielmehr Mitarbeiter, die ein offenes Ohr für die kleinen Alltagssorgen haben. Von jedem etwas wartet im breiten Warensortiment, das den Kunden nicht mit 25 Püree-Sorten erschlägt, doch reichlich Frisch- und Regionalwaren bietet.

Margot M. wohnt in der Kreuznacher Straße nur wenige Meter entfernt von …nah und gut. „Hier finde ich immer, was ich für meinen täglichen Bedarf brauche, und immer mal etwas Besonderes. – Passend zu Jahreszeit und anstehenden Festtagen. Manchmal wird sogar Wurst vom Grill vorm Laden angeboten, da kommt man dann gut mit anderen ins Gespräch“, erklärt die Stammkundin.

Wer Schwierigkeiten hat, zu Fuß seine Einkäufe heranzuholen, dem wird unkompliziert geholfen: Einfach anrufen, und das Gewünschte wird mit fünf Euro Liefergebühr-Aufschlag an die Tür geliefert.

Dabei kann sogar die heimische Küche kalt bleiben, denn Reiches denken auch an warmes Essen. Jeden Mittwoch brutzeln Hähnchen im Grill, und Mitarbeiterin Schlie wird für ihre selbstgemachten Bouletten, ihr Sahnegeschnetzeltes mit Nudeln und ihre warmen Eintöpfe geliebt. Steht beim Kunden gar größerer Besuch ins Haus, ist sie es, die auf Bestellung Aufschnittplatten dekoriert und saftigen Krustenbraten aufschneidet.

Nachhaltiger Handel wird durch derartig durchorganisierte Angebote gefördert. „Denn wir sorgen dafür, dass keine Waren übrig bleiben und abgelaufen später dann unüberlegt entsorgt werden müssten“, erklärt Frauke Reiche. So hat die Schnäppchen-Truhe im Laden viele Freunde, nicht nur bei finanziell schwachen Käufern: Edeka/…nah und gut bietet darin preisreduziert Waren an, deren Ablaufdatum näher rückt, Sonderposten oder Obst, das nicht mehr ganz makellos und „zu gut für die Tonne“ ist. Mit dem Partnerbetrieb von „Too Good To Go“ besteht außerdem eine Kooperation, auf die der Ladeninhaber stolz ist: Per App kann für 3 Euro eine Überraschungstüte bestellt werden nach dem Motto „Geld sparen und Lebensmittel verbrauchen, statt zu verschwenden“. Sie enthält eine bunte Mischung von Lebensmitteln, je nach Verfügbarkeit von der Backware bis zum Edelgemüse.

Blumen sucht man bei Reiches …nah und gut vergeblich. Doch zehn Schritte weiter wird auch dieser Wunsch erfüllt:

Blumen machen das Leben bunter

– So das Motto eines weiteren Familienbetriebes, der seit Jahren das Vertrauen seiner zahlreichen Stammkunden genießt: das Blumenhaus Inguanta.

Chefin Tanja Inguanta, stets gut gelaunt, passt bestens zu ihrer ausschließlich deutschen und europäischen Ware: Frische Schnittblumen in strahlenden Farben, die das Blumen-Fachgeschäft mit Tradition anbietet, werden hier nach erstklassigem Floristik-Können in charmante Sträuße und Gestecke verwandelt. Kleine Dekoartikel in den Regalen entwickeln sich schnell zum „Must-have“. Passend zur Jahreszeit warten unter dem Dach der Ladenzeile außerdem Topf- und Balkonpflanzen auf ihre Käufer, und auch die Orchideen können sich sehen lassen. Mindestens dreimal wöchentlich fährt Ladeninhaber Robert Inguanta „hinter den Kulissen“ zum Blumengroßmarkt an der Berliner Beusselstraße und nach Langerwisch, um seinen Betrieb mit frischer Ware auszustatten. Zusätzlich liefert der Holländer wöchentlich frei Haus.

1975 hatte Tanjas späterer Schwiegervater Calogero Inguanta, gebürtiger Italiener, das Blumengeschäft Inguanta & Karin Ruß GbR eröffnet. „Rosen und sehr viele Nelken füllten den Laden“, erzählt Tanja, die seit 1987 in dem Geschäft Floristin lernte, wobei sie auch den Sohn des Hauses und späteren Ehemann Robert Inguanta kennenlernte. 1990 war sie fertige Floristin und ist heute aus dem Fachgeschäft ihres Mannes Robert, der es 2004 von seinem Vater übernommen hatte, nicht mehr wegzudenken. Mit im Laden ist ein fünfköpfiges Team gelernter Floristinnen und Floristen, darunter Rosemarie Lemke und Sybille Heinke sowie Tanjas Mutter, Waltraut Schlei. Und auch der Vater ist oft vor Ort, hatten die Schleis doch bis 2002 in Spandau selbst ein Blumengeschäft.

2016 kam Floristik-Meister Jürgen Mertens dazu, der ebenfalls Erfahrung aus eigenem Blumenladen und viele gute Ideen mitgebracht hat, die u. a. in den behutsamen Ladenumbau im Jahr 2017 miteinflossen.

Im Geschäft duftende Eyecatcher – besonders in den Monaten ab Mai – sind die Freilandrosen europäischer Herkunft, aber auch sonst begeistern frische Rosen, Mimosen und blühende Saisonware, da die Klimaanlage im Laden die Blumen vor jeder extremen Temperatur schützt. Ware aus Ecuador oder ferneren Erdteilen sucht man hier vergebens, denn Regionalität wird garantiert.

Der Fachbetrieb ist darüber hinaus für seine individuelle Braut-, Trauer- und Event-Floristik bekannt. Und auf Anfrage gibt Tanja wertvolle Tipps und Unterstützung zur Grabbepflanzung.

Auch hier geht der Kunde also zufrieden aus dem Laden, in dem man sich Zeit nimmt, auf Sonderwünsche reagiert und Herzlichkeit verbreitet.

Mode-Partnerin

- So rundet Ursula Bach-von Wolff seit Oktober 2019 als dritte Ladeninhaberin mit ihren Damenmoden das kundenfreundliche Bild der 65-jährigen Ladenzeile.

In ihrem Fachgeschäft, das sie vorher in der Forststraße betrieb, finden Kleidergrößen zwischen 36 und 52/54 Beachtung und nicht nur ganz gertenschlanke Damen das passende Outfit nebst Accessoires und modischem Schuh. Und sollte das Lieblingskleid im Schrank zwicken: Ursula Bach garantiert die Annahme von Änderungen aller Art.

Es lohnt sich also durchaus, die etwas versteckt in der Ladenzeile an der Kreuznacher Straße liegende Betriebe zu erkunden, vor deren Tür man immer noch den ein oder anderen Parkplatz, auf jeden Fall aber das Gefühl finden kann, dass der Kunde König ist.

Jacqueline Lorenz

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