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Villenkolonie Westend

Vom Spekulationsprojekt zur 1A-Wohnlage

Ältestes Haus von Alt-Westend Baujahr 1867.
Ältestes Haus von Alt-Westend Baujahr 1867.
Erschienen in Gazette Charlottenburg Juli 2020
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Westend – eine der vornehmsten Wohnadressen Berlins. Ihren Kern bildet die Ortslage Villenkolonie Westend, die zwischen Spandauer Damm und Reichsstraße liegt, mit Zentrum Branitzer Platz. Im Gegensatz zur Ortslage Neu-Westend wird sie oft auch als Alt-Westend bezeichnet.

Alter Baumbestand, guterhaltene Villen: die bauhistorische Bedeutung dieser hinter Lichterfelde West zweitältesten Villenkolonie Berlins ist für die Hauptstadt einmalig.

Offiziell gilt die Villenkolonie Westend seit 2001 als „städtebauliches Erhaltungsgebiet“, dessen Villen, Gärten, Grundstückseinfriedungen, Alleen und Schmuckplätze durch eine spezielle Verordnung weitgehend geschützt sind.

Wohngegend für bessere Leute

Die Entwicklung der zu Charlottenburg zählenden Villenkolonie Westend für das „gehobene Bürgertum“ begann im Mai 1866 auf einem Plateau des Grunewaldes nahe Spandauer Chaussee. Ziel war es, nach englischem Vorbild eine Standestrennung durch verschiedene Wohngebiete zu erreichen. Zu diesem Zweck gründete der Unternehmer Albert Werckmeister gemeinsam mit Johannes Quistorp, Baumeister Martin Gropius, Bankier Eichhorn und Lotterieeinnehmer Tuchen die „Commandit-Gesellschaft auf Aktien“, die von Johannes´ Bruder Heinrich Quistorp weitergeführt wurde. Grundkapital waren 500.000 Taler, die in 2.500 Aktien angelegt waren: Pro Aktie 200 Taler. Das Spekulationsgeschäft rechnete sich einfach: 14 Quadratmeter, die 1866 als eine Quadratrute galten, kosteten den Anleger etwas über 5 Taler, der spätere Verkaufswert wurde mit 12 Talern angegeben.

Die extra für das Projekt gegründete Baugesellschaft errichtete Landhäuser für durchschnittlich 4.000 Taler pro Haus. 400 rund 800 Quadratmeter große Grundstücke entstanden auf 70 Hektar Land. Begrenzt wurde das schachbrettartige Terrain von der Akazienallee im Norden, der der Platanenallee im Süden, der Ahornallee im Osten und der Kirschenallee im Westen. Namensgeber für die Alleen waren die jeweils angepflanzten Bäume, hinter denen großbürgerlichen Villen inmitten großzügiger Gärten lagen. Seinen Namen erhielt das Gebiet nach dem vornehmen Londoner Stadtteil Westend.

Spekulationsprojekt mit Hindernissen

Preußenkönig Wilhelm I. sprach 1868 in einem Zitat an, was den Reiz dieser Gegend ausmachte: „Eine große Zukunft, ja, hier weht eine reine, frische Luft. Ich möchte wohl die Ausführung dieses schönen Projectes noch erleben.“ – Denn meist herrschte in Westend Westwind und wehte den Duft der Markwälder anstatt stinkender Industrieluft aus dem Osten herüber.

Der Plan war gut, doch der Krieg machte 1866 erst einmal einen Strich durch die Rechnung: Bauverzögerungen und das nur langsame Anlaufen des Projektes führten unter Heinrich Quistorp 1873 zum Konkurs.

Gerade 50 Villen waren da gerade fertiggestellt, die Verkehrsanbindung problematisch.

1878 wurde Westend nach Charlottenburg eingemeindet. Ab 1880, nach Eröffnung des Bahnhofs Westend, ging es mit der Villenkolonie wieder bergauf. 1900 war die Bebauung nahezu abgeschlossen. – Wer auf sich hielt und einen Namen hatte, besaß nun ein Domizil in der Villenkolonie: Marlene Dietrich schritt durch die Akazienallee, Kurt Weill komponierte in der Ahornallee 39 an der Dreigroschenoper und sogar Johannes Heesters schmetterte in Alt-Westend aus vollem Herzen „Es muss was Wunderbares sein…“

Alte Villen, Sozialeinrichtungen, Botschaften

Nach Kriegsende teilte man viele Grundstücke, prächtige Villen verschwanden. Doch auch heute noch zählt Alt-Westend zur besten Wohnlage dank seiner großzügigen Einfamilienhäuser, von denen über fünf Prozent aus den 20er- und 30er-Jahren stammen. Wer in dieser prädestinierten Gegend wohnt, zieht hier so schnell nicht wieder weg.

Das Erhaltungsgebiet der Villenkolonie verfügt über 47 Baudenkmale und über drei Gartendenkmale, den Karolingerplatz, Branitzer Platz und den Anneliese-und-Georg-Groscurth-Platz. Die Gaslaternen-Straßenbeleuchtung blieb erhalten.

In den Räumen der ehemaligen Psychiatrischen Klinik an der Nussbaumallee wurden geflüchtete Menschen untergebracht.

Das älteste Haus von Alt-Westend aus dem Jahr 1867 steht in der Lindenallee 7.

Und an der Ulmenallee 50, im 1904 erbauten und ehemaligen Waisenhaus der Stiftung Luisens-Andenken, geht es immer noch sozial zu: Hier hat die Mosaik-Berlin gGmbH einen Beschäftigungs- und Förderbereich für Menschen mit Beeinträchtigung.

Alt-Westend trägt wegen der meist in besonders prachtvollen Gründerzeit-Villen untergebrachten zahlreichen Botschaften, Konsulate und Residenzen auch den Namen „Diplomaten-Viertel Westend“. In Alt- und Neu-Westend sind derzeit u. a. vertreten Armenien, Burkina Faso, Kamerun, Kirgisistan, Kongo, Namibia, Tansania, Türkei, Tunesien und Vietnam.

Ein Spaziergang entlang der alten Allee-Bäume Alt-Westends entführt in vergangene Tage – aus denen man dann angesichts auch in dieser Wohngegend dicht an dicht geparkter Pkws unbarmherzig in die Realität zurückgeholt wird.

Jacqueline Lorenz

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