Gazette Verbrauchermagazin

Geschichte(n) rund um den Lietzensee

Irene Fritsch vermittelt unterhaltsam Heimatkunde

Erschienen in Gazette Charlottenburg August 2020
Irene Fritsch, „Gefährlicher Reigen am Lietzensee“, Roman, 155 Seiten, text verlag, ISBN-13: 9783938414644 12,80 Euro
Irene Fritsch, „Gefährlicher Reigen am Lietzensee“, Roman, 155 Seiten, text verlag, ISBN-13: 9783938414644 12,80 Euro

Als „die Historikerin vom Lietzensee“ wird sie vielfach bezeichnet. Irene Fritsch ist mit ganzem Herzen Charlottenburgerin und immer auf der Suche nach längst Versunkenem aus der Geschichte des Lietzensees und seiner Umgebung. Sie erweckt es in ihren Büchern zum Leben und führt Historie dem Leser anschaulich vor Augen, akribisch recherchiert und mit einer guten Portion Fantasie gewürzt. So hat sich schon so mancher Geschichtsmuffel dank ihres literarischen Händchens für Vergangenes zum versierten Heimatkundler entwickelt.

Dieses Vermittlungs-Geschick ist der Autorin einerseits angeboren, andererseits trainierte sie es über Jahre in ihrem ehemaligen Beruf. Als Lateinlehrerin am Wald-Gymnasium in Berlin-Westend weckte sie bei den Schülern das Interesse für anspruchsvolle Literatur: von Caesars „De Bello Gallico“ bis zu Vergils „Aeneis“.

Doch auch die Gegenwart liegt der Geschichts-Erzählerin am Herzen. Und so gehört sie zu den Gründern des Vereins „Bürger für den Lietzensee“, mit dem sie sich als Anwohnerin seit 2004 für eine lebenswerte Zukunft des Lietzensees und seines gerade 100 gewordenen Parks aktiv einsetzt. – Ein Thema, zu dem sie so einiges in dem ihr eigenen, besonderen Stil zu erzählen weiß.

Ihr neuester, siebenter Geschichtsroman „Gefährlicher Reigen am Lietzensee“ ist ihr ganz persönliches Jubiläums-Geschenk an den Park, in dessen gutbürgerlichem Umkreis sie aufgewachsen ist und noch heute als pensionierte Lehrerin in der elterlichen Altberliner Wohnung lebt und lokalhistorisch schreibt.

Neuer Kriminalroman zum Parkjubiläum

Inhalt ihres jüngsten Kriminalromans sind die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, in der Wiederaufbau, aber auch drohende Gefahr und der ruhelose Weg in eine schillernde, nicht ganz gefahrlose neue und „bessere“ Zeit von der Autorin aufgezeigt wird.

Geschickt baut sie in die fiktive Handlung historisches Geschehen und Persönlichkeiten wie Gartendirektor Erwin Barth ein und zeichnet damit ein akzentuiertes und nicht weniger spannendes Bild dieser Epoche ab 1919.

„Diese Zeit fehlte mir noch“, lacht Irene Fritsch. In ihren vorherigen, in zweijährigem Abstand erschienenen und im Lietzensee-Kiez spielenden Romanen und Krimis „Finale am Lietzensee“, „Die Tote vom Lietzensee“, „Kalter Krieg am Lietzensee“, „Charleston in der Drachenburg“, „Vier Schüsse am Lietzensee“ und „Wilde Zeiten am Lietzensee“ wählte sie als jeweilige Grundthemen Kriegsende, Flucht, die Zeit vor Mauerbau, 20er-Jahre, Nazizeit und Studentenunruhen der 70er-Jahre. Dabei lässt sie die Handlung auf den Zeitebenen Gegenwart und Vergangenheit spielen. Durch die Romane führt – außer im jüngsten Kriminalroman – als fiktive Figur Hobbydetektivin Anna.

Darüber hinaus hat die Schriftstellerin 2001 die Monographie „Leben am Lietzensee“ herausgebracht, in der Irene Fritsch die Geschichte von See, Park, Häusern und ihren Bewohnern erzählt. Geschichtsträchtige Personen wie General Wilhelm von Witzleben, Kunstgärtner Ferdinand Deppe und Parkgestalter Erwin Barth bringt sie darin in Erinnerung und stellt sie dem Leser verständlich vor. Neben ihren Werken zur wechselvollen Geschichte Berlins, stammt aus ihrer Feder auch die bemerkenswerte Chronik „100 Jahren am Lietzensee – Der Weg einer evangelischen Kirchengemeinde 1913 – 2013“.

Recherche ist viel, Zeitzeugengespräche alles

Schreiben und Geschichte an sich war schon immer Irene Fritsch´s Ding. Und als ehemalige Lehrerin weiß sie. „Schule ist auch für die Entwicklung von Geschichts-Interesse ein Impuls-Geber. Im Laufe des Lebens besinnt man sich dann auf die dort angesprochene Themen zurück.“ So war es wohl auch bei ihr. Das Interesse wuchs mit den Jahren, Erlebtes und Erfahrungen kamen hinzu – und die Neugier, auch das über ihren Ortsteil zu erfahren, was die Geschichte ihr bis dahin verborgen hatte.

Als Lateinlehrerin im Schuldienst beschäftigte sie sich mit der Chronik des Wald-Gymnasiums, für ihre Kirchenchronik sprach sie mit einer betagten Kirchenschwester und wälzte uralte Kirchenbücher. Besuche in schwer zugänglichen Archiven wie Staats- und Landesarchiv sind für Irene Fritsch seit ihrer Pensionierung an der Tagesordnung, auch wenn sie keine bloße Chronistin sein möchte. Die spannende Handlung gehört für sie dazu, um Geschichte in den Köpfen der Leser nachhaltig zu verankern.

Und da sind die Interviews, die Irene Fritsch führte: Allen ihren Büchern gingen Gespräche mit Überlebenden voran, lange bevor sogenannte Zeitzeugengespräche alltäglich wurden. Die meisten ihrer Befragten leben schon lange nicht mehr, aber in den Fritsch-Büchern leben ihre Erinnerungen und Aussagen weiter.

Nach dem Lesen kam das Schreiben

Eigentlicher Auslöser zum Schreiben aber war für Irene Fritsch die Journalistin Margret Boveri und deren Buch „Tage des Überlebens“. Boveri war 1944 – wer konnte, entfloh damals der Stadt – bewusst nach Berlin zurückgekehrt, um das Ende des Krieges und der Nazis vor Ort miterleben zu können. In ihrem Buch verarbeitete sie, die nur drei Häuser weiter von Irene Fritsch in der Wundtstraße wohnte, das Erlebte. Irene Fritsch las das Buch und erkannte vieles wieder: Fast war es, als sei ihre elterliche Wohnung beschrieben, ebenso stand ihr Lietzensee-Kiez im Mittelpunkt. Menschen entdeckte Irene darin wieder, die sie aus der Nachbarschaft kannte: den ehemaligen Luftschutzwart, der nun ein Papiergeschäft hatte, oder die Frau, die immer über alle und zu viel redete.

„Ich habe mich dann gefragt: es muss doch noch mehr Literatur über den Lietzensee, seine Umgebung und seine Geschichte geben“, erklärt Irene Fritsch heute. Sie suchte in Buchgeschäften danach, fand aber nichts. Also machte sie sich auf in Archive, fand spannende Quellen und beschloss als Hobby selbst über ihren See zu schreiben. – Mit mehr Erfolg, als sie gedacht hatte.

Dank der großen Nachfrage wurden ihre Romane immer wieder neu aufgelegt, für Neuzugezogene in der Gegend sind Irene Fritsch´s Bücher inzwischen ebenso unterhaltsame wie informative Heimat- und Kiezkunde, ihre Lesungen immer ausgebucht, die Kiezspaziergänge mit der junggebliebenen Schriftstellerin gefragt.

Zur 100-Jahrfeier des Lietzenseeparks im Juni wollte sie aus ihrem Buch lesen, doch Corona entschied anders. „Das holen wir mit einem großen Fest im nächsten Jahr nach“, erklärt Irene Fritsch zuversichtlich.

Inzwischen baut sie ihr reiches Geschichtswissen weiter aus: Und wieder gibt es viel zu recherchieren für sie – über die von Witzlebens oder über den Journalisten und Theaterkritiker Siegfried Jacobsohn; Menschen, deren Geschichte eng mit ihrer und der des Lietzensees verbunden ist, und die sie vielleicht in einem weiteren Roman auferstehen lassen wird.

Jacqueline Lorenz

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