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Nageln für den Kaiser

Exponat aus dem Schul- und Stadtteilmuseum Friedenau

Archiv Friedrich-Bergius-Schule
Archiv Friedrich-Bergius-Schule
Erschienen in Gazette Schöneberg & Friedenau August 2020

„In der Menschheitsgeschichte waren große Krisen und Katastrophen der Normalfall. Wir hatten nur das unverschämte Glück, dass wir in den letzten 75 Jahren bei uns keine mehr erleben mussten.“ – Mit diesen Worten erinnerte der Fraktionsvorsitzende der CDU-Fraktion im Deutschen Bundestag Ralph Brinkhaus anlässlich der Corona-Pandemie am 30. März 2020 daran, dass Zeiten ohne schwere Konflikte in der Geschichte Europas eher selten waren. So konnte in den 500 Jahren vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges kein Deutscher 50 Jahre alt werden, ohne einen Krieg erlebt zu haben. Spuren der Katastrophen des 20. Jahrhunderts finden sich auch in unserem „Schul- und Stadtteilmuseum Friedenau“:

Für Volk und Vaterland

Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges im August 1914 eilten viele Soldaten freudig zu den Waffen, um für Kaiser und Vaterland in einen vermeintlich kurzen Krieg zu ziehen: meist ohne zu ahnen, was Krieg zu führen bedeutet und wie dieser einmal enden würde.

In einer großen Zeremonie mit Blasmusik wurden die Soldaten von ihren Familien auf dem Güterbahnhof Wilmersdorf-Friedenau, in unmittelbarer Nähe der Friedrich-Bergius-Schule, verabschiedet. Für Ehre und Freiheit des deutschen Volkes zogen die Männer in den Krieg – damals das erklärte Erziehungsziel am Friedenauer Gymnasium. Vier Jahre nach Kriegsende noch rühmte der Direktor „die selbstlose Hingabe an das Vaterland“.

In dieser anfänglichen euphorischen Kriegsstimmung wollten auch viele Menschen in der Heimat zum Sieg beitragen. So wurden u. a. Geldsammlungen für Kriegerwitwen und Waisenkinder durchgeführt. Mit zunehmender Kriegsdauer sollte durch derartige Aktionen aber auch der Durchhalte- und Entbehrungswillen der Bürger beeinflusst werden. Wer sich dieser Spendenaktionen entzog, begab sich in Gefahr, von seinen Mitmenschen als unpatriotischer Vaterlandsverräter angesehen zu werden.

Nägel für Kriegskassen

So wurden von Schülern Sammlungen von Naturprodukten wie Obstkerne, Bucheckern, Brennnesseln und Laubheu durchgeführt sowie Hilfsdienste in Schreibstuben, Großküchen und Nähwerkstätten geleistet. An patriotischen Festen (Kaisergeburtstag, Siegesfeiern, Gedenkfeiern für Gefallene) und Wohltätigkeitsveranstaltungen nahm man aktiv teil. Dabei wurde auch auf eine schon im Mittelalter bekannte Spendensammelmöglichkeit zurückgegriffen.

Eine sogenannte Kriegsnagelung sollte Geld für den Krieg in die Kriegskassen spülen. Hierbei wurden gegen Spenden, die zwischen 50 Pfennig und 20 Mark betrugen, erworbene Nägel in ein Holzbrett mit vorgezeichnetem Bild eingenagelt, wodurch ein aus Nägeln bestehendes Nagelbild entstand.

In den Schulen wurden von den Schülern sogenannte Schulnagelungen durchgeführt, die großen Anklang fanden. Durch die erzielten Geldeinnahmen konnten sowohl Kriegsopfer, wie Verwundete und Hinterbliebene zusätzlich unterstützt werden. Auch wenn die eingesammelten Spenden sich insgesamt nur im einstelligen Millionenbereich bewegten, so war die symbolische Wirkung, verbunden mit dem Patriotismus und dem dazugehörenden Gemeinschaftsgefühl, für die Stärkung der „Heimatfront“ nicht unerheblich. Die Lehrerschaft gründete in Berlin am 21. Juni 1916 den Verein „Jugenddank für Kriegsbeschädigte“ und warb so für die Nagelungen. Man geht davon aus, dass knapp sechs Millionen Schulkinder an den Nagelungen teilnahmen. Als Motive wurden oft das Eiserne Kreuz, das „deutsche Schwert“, die „deutsche Eiche“ oder heraldische Bilder und Wappentiere genutzt. Nach dem verlorenen Krieg verschwanden die meist wirkungsvoll aufgestellten Nagelbretter von ihren Standorten, so dass ihr Verbleib heute nicht mehr nachvollziehbar ist. Nur auf einigen Ansichtskarten lassen sich diese Kunstwerke heute noch bestaunen.

Zeitzeugen

Das „Schul- und Stadtteilmuseum Friedenau“ besitzt in seiner Sammlung 57 dieser Ansichtskarten. Sie stammen aus Friedenau oder den angrenzenden Gemeinden.

Verwendete die III. Gemeinde-Schule Berlin-Friedenau Motive, die vom Verlag Gottfried Glasmachers in Essen vertrieben wurde, sind für das Friedenauer Gymnasium zahlreiche von eigenen Schülern gestaltete Ansichten bekannt.

Die „Kriegspostkarte Nr. 9“, gezeichnet von Bernd Reuters aus der Unterprima III, zeigt einen bewaffneten und uniformierten Wachtposten vor der Eisenbahnbrücke Handjerystraße in Sichtweite der Schule. Die Brücke existiert noch heute.

Wer anlässlich eines Spaziergangs unter der Brücke den Blick nach oben in das Gewölbe aus sorgfältig gemauerten gelben Klinkersteinen hebt, sieht noch nach 75 Jahren die Spuren von Granateinschlägen. Sie stammen aus dem Zweiten Weltkrieg, als im April 1945 die Hauptkampflinie zwischen Wehrmacht und Roter Armee entlang des S-Bahnrings verlief.

Seither herrscht Frieden in unserem Land. Nun schon seit 75 Jahren. Sorgen wir alle dafür, dass es auch in den kommenden 75 Jahren so bleibt.

Weitere Informationen unter www.friedrich-bergius-schule.de

 

Schul- und Stadtteilmuseum Friedenau, AG Junge Historiker an der Friedrich-Bergius-Schule, Leitung Alexander Bauwe / JaLo / Fotos: Friedrich-Bergius-Schule

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