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Glockenklang für Freiheit und Menschenwürde

Freiheitsglocke im Rathaus Schöneberg läutet seit 70 Jahren

Foto: Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg
Foto: Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg
Erschienen in Gazette Schöneberg & Friedenau Oktober 2020
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„That this world under God shall have a new birth of freedom – Möge diese Welt mit Gottes Hilfe eine Wiedergeburt der Freiheit erleben.“ – Das Zitat aus der Rede „Gettysburg Adress“ des ehemaligen US-Präsidenten Abraham Lincoln ziert als Inschrift die Freiheitsglocke im Turm des Schöneberger Rathauses. Ihre Aussage ist auch heute, 70 Jahre nach ihrem ersten Läuten am 24. Oktober 1950, aktuell und schickt mit jedem Glockenschlag täglich um 12 Uhr, zu Heiligabend und zum Jahreswechsel ihren Ruf von Berlin-Schöneberg aus weit in alle Welt.

In jedem Pfund ihrer rund 10.206 Kilogramm Gewicht trägt die Freiheitsglocke als größte profan genutzte Glocke der Hauptstadt und einstiges Geschenk der USA an die Menschen in Berlin bis heute ungebrochene Symbolkraft.

Symbol der engen Beziehung Amerikas zum West-Berlin der Nachkriegszeit

Rund 16 Millionen Amerikaner hatten den Freiheitsglocken-Guss mit Spendengeldern finanziert und dazu Unterschriftenlisten, die originalverpackt unter der Parole „crusade for freedom“ und „fight communism“ in einer eigenen Dokumentenkammer des Rathaus Schöneberg lagern, mit dem folgenden Freiheitsgelöbnis unterzeichnet:

„Ich glaube an die Unantastbarkeit und an die Würde des einzelnen Menschen. Ich glaube, dass allen Menschen von Gott das gleiche Recht auf Freiheit gegeben wurde.

Ich schwöre, der Aggression und der Tyrannei Widerstand zu leisten, wo immer sie auf Erden auftreten werden.

Ich bin stolz darauf, am Kreuzzug für die Freiheit teilgenommen zu haben. Ich bin stolz darauf, dass ich zur Herstellung der Freiheitsglocke beigetragen habe und diese Freiheitserklärung unterschrieben habe, dass mein Name nun ein ewiger Bestandteil des Freiheitsschrein in Berlin sein wird, und dass ich mich den Millionen Männern und Frauen in der ganzen Welt angeschlossen habe, denen die Sache der Freiheit heilig ist.“

Gegossen wurde die Glocke auf Initiative des einstigen amerikanischen Gouverneurs in Deutschland, Lucius D. Clay, nach dem Entwurf des amerikanischen Industriezeichners Walter Teague im englischen Croyden bei der Firma Giller & Johnston nach dem Vorbild der amerikanischen Liberty Bell aus Philadelphia. In einem „Kreuzzug für die Freiheit“ reiste die symbolträchtige Nachbildung auf einem Spezialfahrzeug durch 26 Städte und mehrere Bundesstaaten der USA, bevor sie am 20. Oktober 1950 in Bremerhaven eintraf. Einen Tag später wurde sie am Turm des Rathaus Schöneberg – damaliger Amtssitz des Oberbürgermeisters Ernst Reuter – emporgezogen und im dritten Turmgeschoss mit gestühlartiger Aufhängung befestigt.

Die feierliche Glockenweihe fand am Tag der Vereinten Nationen (United Nations. UN), dem 24. Oktober 1950, vor fast 500.000 Menschen statt, die sich vor der mahnenden Kulisse zerbombter Häuser in den Straßen rund um den Rudolf-Wilde-Platz (heute John-F.-Kennedy-Platz) drängten, wollten sie doch beim ersten Glockenschlag der Freiheitsglocke persönlich anwesend sein. Auf der Ehrentribüne verfolgten das feierliche Geschehen u. a. Bundeskanzler Konrad Adenauer, Oberbürgermeister Ernst Reuter, General Clay, der Hohe Kommissar der USA in Deutschland, John J. McCloy, sowie die alliierten Stadtkommandanten. General Clay erklärte damals: „Die Freiheitsglocke wird von Berlin aus ertönen, weil diese Stadt der einzige freie Platz hinter dem Eisernen Vorhang ist.“ Und Ernst Reuter ergänzte, dass der Ruf der Freiheitsglocke nicht nur über den Ozean zum in Freiheit lebenden amerikanischen Volk dringen, sondern gerade auch nach Osten deutlich hörbar sein werde.

Ihr Klang ist Tradition…

– Als General Clay dann Punkt 12 Uhr über ein elektrisches Signal die Glocke zum ersten Schlag anstoßen wollte, brannten zuerst die Sicherungen der aus den USA gelieferten Motoren durch. Doch ein Rathausmitarbeiter setzte auf „Handarbeit“, und wenig später konnte der erste Glockenschlag auch in vielen Ländern der Welt über das Radio mitverfolgt werden. Jeden Sonntag um 12 Uhr wurde das zweiminütige Geläut der Freiheitsglocke nun vom RIAS gesendet, verbunden mit Worten des Freiheitsschwurs. Inzwischen hat der Deutschlandfunk Kultur diese Tradition übernommen und sendet sonntags um 12 Uhr mittags die sonoren Glockenklänge.

Als Folge des ungenau angepassten Gegengewichtklöppels durch die englische Glockengießerei bildete sich in der Glocke über die Jahre ein 1,28 Meter langer Riss, – genau unter den gravierten Worten „under God“ – weshalb die Glocke im Jahr 2000 stillgelegt und zur aus Spendengeldern finanzierten Reparatur ins bayerische Nördlingen gebracht werden musste. Für einige Zeit verabschiedete sie sich anlässlich ihrer 50-Jahr-Jubiläumsfeier am 24. Oktober 2000 daher mit hoffnungsfrohem Geläut von den Berlinern, bevor sie mit klarem Ton ihre Arbeit wieder aufnehmen konnte.

…und findet immer den richtigen Ton

Und auch kürzlich schwieg sie auf Grund von Sanierungsarbeiten wieder. Doch pünktlich zum 7. Mai 2020 hatte sie ihre Stimme zurück und erhob sie anlässlich des 75. Jahrestages zum Tag der Befreiung erinnernd. Denn diese Glocke findet immer den richtigen Ton, klagend oder tröstend, jubelnd oder mahnend.

Sie meldete sich zu Wort anlässlich des gescheiterten Arbeiteraufstandes in der DDR am 17. Juni 1953, nach dem Mauerbau 1961, aber auch zur Deutschen Einheit in der Nacht zum 3. Oktober 1990. Als Zeichen Deutsch-Amerikanischer Verbundenheit und Freundschaft begleitete ihr Klang auch im Jahr 1963 die Eintragung ins Goldene Buch des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy und läutete ganze sieben Minuten lang zwei Tage nach den Terroranschlägen des 11. September 2001.

Dass die Freiheitsglocke, der in den Fünfzigern etliche Briefmarken gewidmet wurden, auch weiterhin ihre Stimme für Freiheit und Menschenwürde erhebt, das wünscht sich nicht nur Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler, die in der Nähe des Rathaus Schöneberg aufwuchs und aus Anfragen immer wieder erfährt, wie wichtig diese Glocke den Menschen ist. Und wenn auch Corona-bedingt in diesem Jahr für die Freiheitsglocke keine Jubiläumsfeier stattfinden wird, für 2021 ist eine Veranstaltung dazu vom Bezirksamt angedacht.

Auch die Schönebergerin I. Grieger, die seit fast 70 Jahren direkt gegenüber des Rathaus Schöneberg wohnt, fühlt sich mit der Glocke von Kindheit an verwurzelt und erklärt: „Wenn ich ihren warmen Klang höre, weiß ich, dass ich Zuhause bin. Sie fordert mich zum Innehalten auf. Gleichzeitig erinnert sie daran, wie viel die Amerikaner zum Wiederaufbau meiner Stadt beigetragen haben.“ Es fehle ihr etwas Wichtiges, wenn die Glocke einmal schweigt.

Daher wird die langjährige Anwohnerin am 24. Oktober um 12 Uhr ebenso wie wohl mancher Passant vor dem Rathaus Schöneberg kurz innehalten, um der Freiheitsglocke und ihrer Symbolkraft zum 70. Ehrentag ihren ganz persönlichen stillen Respekt zu erweisen.

Jacqueline Lorenz

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