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Müde Museen – wache Jugendliche

3. Ideenwerkstatt Museen lieferte Ansätze

Corin, Zoé und Thalia (v.l.): Sie sprachen sich für jugendfreundliche Museen aus.
Corin, Zoé und Thalia (v.l.): Sie sprachen sich für jugendfreundliche Museen aus.
Erschienen in Gazette Zehlendorf Juli 2018
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Zum dritten Mal luden Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf und Regionalmanagement Berlin SÜDWEST zu ihrer Ideenwerkstatt, die unter dem Titel „Müde Museen – Wache Museen“ zum ersten Mal im AlliiertenMuseum stattfand: Vor den gewohnten Räumlichkeiten für die Veranstaltungsreihe am Museumsstandort an der Lansstraße rüstete man am 28. Mai 2018 die Südseeschiffe zum Umzug Richtung Humboldt Forum.

Vielversprechend der Werkstatt-Titel, der Museumsmachern und –nutzern dann aber eben doch nur Ansätze zum Umdenken Richtung attraktiverer Museen-Weiterentwicklung für die Generationen Y (28- bis 38-Jährige) und Z (15- bis 28-Jährige) liefern konnte.

Hochkarätig war das Podium mit elf Experten besetzt, gegen die sich zwei geladene Schülerinnen und ein Schüler selbstbewusst behaupteten und zum Nachdenken anregten.

Statt mit Sicherheitsabstand auf Augenhöhe ins Museum

Nach Veranstaltungseröffnung durch den neuen Leiter des AlliiertenMuseum Dr. Jürgen Lillteicher und durch die Bezirksbürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski („heute bin ich als Gast hier“) stellte Andrea Prehn vom Institut für Museumsforschung der Staatlichen Museen Berlin aktuelle Statistiken und Studien über Kinder, Jugendliche und Museen vor, von der Museumsverteilung bis zur Milieustudie. Deren Aussagen bestärkte der im Anschluss vom Kinder- und Jugendbüro Steglitz-Zehlendorf präsentierte Kurzfilm, der junge Menschen auf dem Hermann-Ehlers-Platz zu Wort kommen ließ: Finden eher jüngere Kinder und Jugendliche noch Spannung und Abwechslung in der Welt der Museen, ist ihr Besuch für die älteren überwiegend „Abwechslung zum Schulalltag“ oder mit „Langeweile, Rumlaufen und nichts machen“ verbunden.

Auf die Frage, wie sie sich „ihr“ Museum vorstellen, wissen die wachen Jugendlichen jedoch Antworten: Sie möchten in die Thematik mit einbezogen werden, hinter die Kulissen schauen und während eines Museumsbesuchs an den Exponaten länger verharren dürfen, die ihr ganz persönliches Interesse ansprechen und für sie zum „Hauptwerk“ werden, das man auch ruhig mal anfassen darf. Mehr Interaktivität wünschen sie sich; so auch auf dem Podium die Sechzehnjährigen, Zoé und Thalia, die an ihrem Gymnasium rund 100 Mitschüler zum Thema befragt haben. Museen-abschreckend wurden da Schuldruck und wenig interessant präsentierte Ausstellungs-Themen genannt. Doch wird fachkundige Anleitung auf Augenhöhe durchaus von den Jugendlichen akzeptiert, wenn sie nicht in Frontalunterricht ausartet.

Täglich in der Praxis damit konfrontiert ist Ellen Roters, Pädagogische Leiterin des Jugend Museum Schöneberg, das Kinder und Jugendliche bewusst wie kleine Experten in den Museumsalltag einbezieht, Anknüpfungspunkte schafft und dafür als schönstes Lob zu hören bekam: „Bei Euch hat es Spaß gemacht. Seid Ihr überhaupt ein richtiges Museum?“

Auch Katrin Boemke, Geschäftsführerin des Verein Jugend im Museum, arbeitet auf dieses Ziel hin, will, auf einer Höhe mit den Jugendlichen, diese selbst entscheiden lassen, was ihr Hauptexponat in einer Ausstellung ist oder was – auf dem Museumsplan mit Rotstift markiert – rausgenommen werden soll.

Digitale Mittel, Instagram & Co

Moderatorin Dr. Susanne Rockweiler, ehem. stellv. Direktorin des Martin-Gropius-Bau, versuchte richtungsweisend, den Jugendlichen technische Begeisterung anstelle von Kunstinteresse zuzusprechen. Doch das klappte nur bedingt: So bestätigte Podiumsgast Corin (18 Jahre) zwar, dass Digitale Mittel im Museum lernerleichternd und unterstützend wirken könnten, doch nicht zwangsläufig eingesetzt werden müssten. „Entweder VR-Brille oder van Gogh “ sei die falsche Herangehensweise, war sein Fazit, dem sich die beiden Schülerinnen auf dem Podest anschlossen. Vielmehr setzen Jugendliche heute auf YouTube und Instagram, wenn es darum geht, eine Ausstellung unter Ihresgleichen vorab publik und darauf neugierig zu machen. – Eine Idee vielleicht auch für die Initiatoren der nächsten Ideenwerkstatt Museen. Fehlten doch in den eh nur spärlich besetzten Zuschauerreihen an diesem Abend besonders Jugendliche und Kinder als wichtige Zielgruppe.

Eines wurde deutlich: Während private Museen bereits einen Schritt weiter sind, tun sich die Staatlichen Museen noch schwer. So kann sich Gregor Lersch, vom Jüdischen Museum an diesem Abend ebenfalls unter den Diskutanten, für die Zukunft durchaus vorstellen, junge Menschen über Workshops und als Ideengeber in die Ausstellungsplanung mit einzubeziehen. Doch die nächste Dauerausstellung, die bereits in Vorbereitung ist, sieht diese Zusammenarbeit noch nicht vor.

Und auch Dr. Susanne Rockweiler gab sich eher unbeweglich und steht damit für die Museen, die es wachzurütteln gilt, um – wie Prof. Dr. Tobias Nettke von der Museumskunde an der Hochschule Technik und Wirtschaft Berlin betonte – die so unterschiedlichen Jugendlichen über ebenso vielfältige Themen und Methoden in der Museumswelt erreichen und begeistern zu können.

Um zukünftig die Museenlandschaft auch der jugendlichen Zielgruppe zugänglich und erkundbar zu machen, die von Hause aus nicht an sie herangeführt wird, bedarf es wacher Anstrengung und lebendigen Umdenkens aller Museen. Ein Weckerklingeln mindestens lieferte dazu die Ideenwerkstatt Museen.

Die 4. Ideenwerkstatt Museen zum Thema „Museum 5.0 I Muss alles digital sein?“ findet im September 2018 statt. Mehr dazu unter www.rm-berlin-sw.de .

Jacqueline Lorenz

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