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Tiny House – nicht nur für Studierende

6,4 Quadratmeter Raum für Möglichkeiten

Tiny House – Wohnraum der Zukunft.
Tiny House – Wohnraum der Zukunft.
Erschienen in Nikolassee & Schlachtensee Journal April/Mai 2019
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Das Studentendorf Schlachtensee, das in diesem Jahr 60 Jahre wird, öffnet sich wieder einmal dem zeitgemäßen Wohnen von morgen. Indem es Raum für experimentelle Wohnkonzepte liefert, kehrt es zu seinen frühen Wurzeln zurück: Im Rahmen des „Tiny House Experiment“ stellte das Studentendorf in Kooperation mit der Tiny foundation nun eine Mini-Wohneinheit auf Rädern für vier Wochen 13 Studierenden zum „Probewohnen“ zur Verfügung.

Ins Leben gerufen wurde die mit 2 Meter x 3,20 Meter wohl kleinste Wohngelegenheit Deutschlands vom Berliner Architekten und Initiator der Tinyhouse University (TinyU) Bo Le-Mentzel. TinyU setzt sich aus einem Berliner Kollektiv an Gestaltern, Bildungsaktivisten und geflüchteten Menschen zusammen, die das Ziel verfolgen, soziale Nachbarschaft auf kreative Weise zu erforschen.

Als Beitrag zur aktuellen Diskussion um bezahlbaren Wohnraum hat Le-Mentzel diese Kleinst-Wohnung erschaffen, die aufgrund ihrer geringen Größe nur rund 100 Euro Miete kostet. Der Gründer der gemeinnützigen Tiny foundation (Agentur für soziale Nachbarschaft), der internationale Architekten, Städteplaner, Tischler, Medienmacher und Wissenschaftler angehören, hat für das Studentendorf Schlachtensee jedoch noch Größeres im Sinn: Seine Idee vom Co-Being Typenhaus mit rund 90 um Gemeinschaftsräume gruppierten Wohneinheiten á 6,4 Quadratmeter stellt zukünftigen Studierenden auf dem Schlachtenseer Wohn-Campus preiswerten und reizvollen temporären Wohnraum in Aussicht, in dem es sich leben lässt.

Kleines Reich mit Luft zum Atmen

Wie es sich anfühlt in so einem begrenzten Raum eines Tiny House auf Rädern, der doch grenzenlose Möglichkeiten birgt, konnten die Besucher am „Tag der offenen Tür“ des Studentendorfes Schlachtensee im Februar erfahren und dazu den Architekten befragen:

„Das hier präsentierte Hausmodell ist natürlich auf die Bedürfnisse der Studierenden zugeschnitten“, betonte Architekt Le-Mentzel. Als Musterhaus sei es besonders stabil konstruiert, um deutlich zu machen, was baulich möglich ist. Der Preis eines einfacher ausgestatteten Tiny House läge ungefähr bei 50.000 Euro. Dabei weist Bo immer wieder darauf hin, dass unterschiedlichste Typenhäuser von ihm und seinem Team auf die jeweiligen Bedarfe potentieller Mieter abgestimmt entwickelt werden können. „Wir wollen damit Raum für soziale Nachbarschaft schaffen und neue Konzepte für gemeinschaftliches Wohnen in der Stadt bereitstellen sowie dem Wohnraummangel in Großstädten entgegenwirken.“

Im Falle des auf dem Dorfplatz des Wohncampus präsentierten Tiny100 House ist beabsichtigt, dem Studierenden mit diesem Holzhaus-Typ Rückzugsmöglichkeit zum Lernen und Schlafen, mit eigenem Sanitärraum und Küchenbereich zu geben.

Auf das Wesentliche reduziert, findet der Bewohner große Glastüren, die Licht und Wärme in das kleine Haus lassen und in Verbindung mit dem hohen Raum ein angenehmes Klima vermitteln, das reichlich Luft zum Atmen lässt und jeglichem Gefühl der Enge entgegenwirkt. Im Vorderbereich des Hauses findet man mehr Platz und Sitzgelegenheit als von draußen zu vermuten ist. Ein kleiner Tisch und notwendigstes Küchenzubehör wie Induktions-Kochfeld, Kühlschrank, Spülbecken – mit Eimer für das Abwasser – und Wasserkocher scheinen einem Studentenhaushalt angepasst. Von hier aus über die Holzleiter erreichbar ist der gemütlich wirkende Hochbett-Schlafbereich. Begrenzende Regale lassen sich mit ein paar Handgriffen zur Arbeitsfläche umfunktionieren. Unten geht es hinter der Küche in den Sanitärbereich des Häuschens, dann doch eher als Nasszelle zu bezeichnen ob seiner Größe: Die offene Dusche gleich neben der Toilette, gegenüber ein winziges Waschbecken, lässt nach dem Duschen größerer Trockenlegungsmaßnahmen vermuten.

Hinter diesem Bereich versteckt sich ein noch kleinerer Raum, der Boiler, Sicherungskasten und ein Not-Öfchen birgt. Von außen kommen Frischwasser- und Stromanschluss für das Mini-Haus. Durch das helle verbaute Holz wirkt alles freundlich, der am Besichtigungstag strahlende Sonnenschein durchflutet das Tiny House zusätzlich wärmend.

Wohnen to go

Doch wie bewerten Studierende, die probewohnen durften, das Häuschen? Eine Studierende, die darin im Rahmen des Experiments drei Tage zugebracht hat und uns darüber berichtete, ist Sarah, promovierende Erziehungswissenschaftlerin. Im wirklichen Leben bewohnt sie eine 1-Zimmer Wohnung. Sie erzählt: „Trotz des geringen Platzes habe ich mich recht wohl gefühlt, wohl auch, weil das Haus ein gutes Raumklima ausstrahlt.“ Als es etwas kälter war, sei sie erstaunt gewesen, wie effizient es zu beheizen ist: „Es wurde sehr schnell warm und gemütlich im Haus.“

Als recht hellhörig bezeichnet sie es jedoch: „Wenn jemand vorbeiging, hörte man das sehr deutlich, ebenso Geräusche von draußen.“

Vermisst hat Sarah trotz ihres nur kurzen Hausaufenthaltes zusätzlichen Stauraum und überlegt, wo Studierende ihre Bücher etc. lassen sollten. Doch ließe sich das durch weitere Einbauten und Abwandeln der Innenausbauten wohl ändern.

Die Sanitären Einrichtungen bezeichnet Sarah zwar als notwendig, verrät aber auch, dass nach dem Duschen der gesamte Nassraum unter Wasser stand. „Ich musste den Boden sehr genau abziehen.“ – Das Wasser werde dann durch den Boden nach außen geleitet.

Architekt Bo Le-Mentzel erklärt auf Nachfrage, dass Zu- und Abwasserregelung sowie Stromanschluss bei Tiny Häusern mit Dauer-Standort vorab genau zu klären sind. So auch die Frage nach dem Standort an sich, der auf einem eigenen oder gemieteten Grundstück liegen könne. Parkplätze und Straßenland kämen dafür nicht in Frage.

Wohnen morgen – im Studentendorf und anderswo

In der Studentendorf Schlachtensee eG. sind derzeit rund 900 Zimmer vermietet, wenige kosten unter 400 Euro Warmmiete. Leerstand gibt es nicht. Um günstige weitere Zimmer anbieten zu können, denkt die Genossenschaft über das Angebot von Tiny Houses als Wohneinheiten nach. Doch da als Landschaftsdenkmal ausgewiesen, ist das Areal des Studentendorfes als Standort für einzelne Mini-Häuser eher ungeeignet. So überlegen die Beteiligten, unterstützt von der Tiny foundation ein spezielles Co-Being Typenhaus zu errichten, das aus rund 90 ähnlichen Wohneinheiten besteht, wie gerade im Dorf präsentiert. – Als fünfgeschossiges Typenhaus vorstellbar, bei dem die Wohneinheiten um Gemeinschaftsküche und Aufenthaltsraum herum angeordnet sind.

„Als Standort können wir uns gut das Gelände vorstellen, das außerhalb des denkmalgeschützten Gebietes liegt“, erklärt Florian Hessler, Social-Media-Beauftragter des Studentendorfes, und denkt dabei an den Bereich, auf dem sich derzeit noch das Müllhaus befindet. Das könnte dann – nicht zuletzt wegen der immer dreister werdenden Füchse – unterirdisch liegen.

Doch etwas ist der Genossenschaft dabei besonders wichtig: Die Studierenden sollen im Rahmen des Tiny House Experimentes Mitspracherecht haben, ihre Vorstellungen und Bedürfnisse mit einbringen und diskutieren dürfen. Dazu sind mehrere Workshops angesetzt, die Studierende, Genossenschaft und Tiny foundation an einen Tisch bringen, und deren Ziel ein gelungenes Wohnkonzept ist, das Rückzugsmöglichkeiten sowie nachbarschaftliches Studieren und Wohnen zu zivilen Mietpreisen erlaubt.

Eines aber ist an diesem „Tag der offenen Tür“ auch deutlich geworden: Ein Großteil der Besucher gehörte zur Altersgruppe 60+ und sucht nach ähnlichem Wohnraum-Experiment. „So ein Wohnkonzept, in dem ich mein kleines Reich zu verhältnismäßig geringer Miete habe, könnte ich mir gut für mich vorstellen. Ich könnte ja zwei oder drei Tiny Houses verbinden, dann wäre mehr Platz da. Die Leiter täglich zum Schlafen hochzuklettern, wäre mir aber zu beschwerlich“, überlegt die 73-jährige Christa aus Wannsee. Nur wenig später sitzt sie gemeinsam mit Bo Le-Mentzel am kleinen Tisch im Tiny100 House und sucht nach einer altersgerechten Lösung.

Egal ob Senioren, Studierende, Weltenbummler, Obdachlose: Für alle hat Visionär Bo Le-Mentzel mit seinem Team passende Typenhaus-Versionen im Kopf, die ganz verschiedene Bedarfe berücksichtigen und soziale Nachbarschaft schaffen, und die so viel mehr als ein bloßes Experiment sind. „Denn jeder Mensch hat das Recht auf Stadt und auf Gemeinschaft – unabhängig von seiner Herkunft und seinem Status“, betont der Architekt.

Weitere Informationen zum Tiny House- und Studentendorf Schlachtensee-Experiment unter www.tinyfoundation.strikingly.com und www.studentendorf.berlin

Jacqueline Lorenz

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