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Der Artilleriekompass der Firma C. P. Goerz Berlin

Exponat des Monats – vorgestellt vom „Schul- und Stadtteilmuseum Friedenau

Foto: Schul- und Stadtteilmuseums Friedenau
Foto: Schul- und Stadtteilmuseums Friedenau
Erschienen in Gazette Schöneberg & Friedenau Mai 2017
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Im täglichen Alltag spielt für uns die klassische Bestimmung der Himmelsrichtungen keine tragende Rolle.

In einer Großstadt orientiert man sich an Stadtplänen, markanten Gebäuden oder an den Gitternetzplänen des Nahverkehrs. Zudem bieten multifunktionale Mobiltelefone nach Bedarf punktgenaue Navigationsrouten an. GPS-genau kann man seinen Standort fast überall bestimmen. Gravierende Probleme ergeben sich erst mit leerem Akku oder bei totalem Netzausfall. Ein Kompass könnte hier im Zusammenspiel mit einer Landkarte wertvolle Dienste leisten.

Richtungsweisendes Produkt namens Kompass

Mit der Bedeutung „Zirkel“ und „Magnetnadel“ könnte man das italienische Wort compasso übersetzen. Die Beobachtung, dass sich Splitter von Magneteisenstein in die Nord-Süd-Richtung drehen, war in Europa seit der griechischen Antike und im alten China seit der Zeit der Streitenden Reiche ab etwa 475 v.u.Z. bekannt.

Schon im Jahr 27 u.Z. wurde im chinesischen Kaiserreich eine Konstruktion mit dem interessanten Namen „Südweiser“ entwickelt. Dieser Ur-Kompass bestand aus einem Stück Magneteisenstein, das an einem Faden aufgehängt war und sich nach dem Erdmagnetfeld ausrichtete. In den Schriften des englischen Wissenschaftlers Alexander Neckam findet der Kompass erstmals im 12. Jahrhundert Erwähnung.

Die uns geläufige Form erhielt der Kompass erst im frühen 13. Jahrhundert. Daran wirkten angeblich italienische Seefahrer aus Amalfi mit, von denen Flavio Gioia, dessen Existenz nicht eindeutig gesichert ist, als Erfinder des Kompasses mit einem Denkmal am Hafen von Amalfi geehrt wird.

Eine erste ausführliche schriftliche Beschreibung einer trocken auf einem Stift spielenden Magnetnadel findet sich im Epistola de magnete von 1269, geschrieben von Petrus Peregrinus de Maricourt. Im späten 13. Jahrhundert kombinierten die Seefahrer des Mittelmeers erstmals die Magnetnadel mit der Windrose. Ab etwa 1400 bauten europäische Seefahrer die trockene Kompassnadel mit der Windrose in ein haltbares Gehäuse ein, um es fest auf ihren Schiffen zu installieren.

Leonardo da Vinci schlug wenig später vor, den so genannten Kompasskasten in einer besonderen kardanischen Aufhängung zu platzieren, um so die Messgenauigkeit zu steigern.

Während des 16. Jahrhunderts setzte sich in der europäischen Segelschifffahrt eine fortschrittliche und exakte Kompasstechnik durch. Der Kompass in der Seefahrt ergänzte immer mehr die bis dahin klassischen Methoden der Navigation anhand von Sonne, Sternen, Landmarken, Strömungen, Wellengang und Wassertiefe.

Auch im Bergbau fand der Kompass bei Markscheidern als Vermessungsinstrument unter Tage Verwendung. In der Bergstadt Massa in Norditalien wurde der Kompass zur Bestimmung der Vortriebsrichtung und Vermeidung von unerwünschten Durchschlägen in den Gruben bereits im 13. und 14. Jahrhundert eingesetzt. Im Tiroler Bergbau war er in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts selbstverständlich.

Feinste Mechanik vergangener Tage aus dem Hause Goerz

Ein besonders richtungsweisendes Messinstrument ist der Artillerie-Kompass der Firma C. P. Goerz aus Berlin-Friedenau, denn er vereint solide handwerkliche Apparatebaukunst mit feinster Mechanik auf engstem Raum. Wie bei allen technischen Produkten der Firma C. P. Goerz spiegelt sich besonders beim Kompass der hohe Anspruch des Firmengründers Carl Paul Goerz an eine brillante Verarbeitung wider, bewerkstelligt durch innovative und arbeitsteilige Herstellungsprozesse mit Manufakturcharakter.

Der Goerz-Artilleriekompass mit der Seriennummer 4033 besteht aus einem robusten, dunkel brünierten Messinggehäuse mit Klappdeckel. Er wurde seit etwa 1910 gebaut und weist einen Durchmesser von 52 mm bei einer Höhe von 15 mm auf. Seiner Bauart nach ist er ein so genannter Trockenmagnetkompass. Der angebrachte Klappdeckel schützt die Kompassscheibe aus Saphirglas gegen unerwünschte mechanische Einflüsse bei Nichtgebrauch. Durch stimmige Details – wie die Halteöse zum Einknöpfen in die Uniformjacke oder die Möglichkeit der Befestigung an einer Uhrenkette – wird der Kompass praxistauglich. Die von außen voll drehbare becherartige Skala mit 72 Teilstrichen kann man durch ihre feine Rändelung auch mit Handschuhen gut justieren. Eine gute Ablesbarkeit in der Dämmerung sichern weiße Teilstriche und Beschriftung der Skala. Spätere Modelle wurden mit fluoreszierender Skala angeboten.

Der solide feinmechanische Apparatebau mit präzisen Gewindegängen sowie feine Dichtungen und Passungen gegen das Eindringen von Staub und Feuchtigkeit schützen das filigrane Kompass-Innere.

Im Gehäuse befindet sich das Herzstück, der reibungsarm gelagerte drehbare Zeiger aus einem magnetischen bzw. magnetisierten Material, die Kompassnadel. Sie richtet sich, nach allen Richtungen frei beweglich, tangential zu den Feldlinien des Magnetfelds der Erde stets zuverlässig aus.

Zur visuellen Trennung der Nadel in Hinblick auf die Himmelsrichtungen weist der Goerz-Kompass einen weißen Farbpunkt für die nördliche Himmelsrichtung auf. Andere Hersteller verwenden die Farben Rot und Grün für die Markierung, wobei Rot immer für Norden, Grün hingegen für Süden steht. Die Einteilung und Bezeichnung der Zwischenrichtungen Nordost, Nordwest, Südost und Südwest löst die Firma Goerz mit vier auf die Skala aufgebrachten Messingnieten.

Die Kompassnadel zeigt durch Schwingungen die entsprechende Himmelsrichtung an und ruht, sobald sie vollständig ausgerichtet ist, was etwas Zeit in Anspruch nehmen kann. So verwendet die Firma Goerz für ihren Artilleriekompass eine interessante Konstruktion: Die Nadel ist bei Nichtgebrauch über einen Haltemechanismus permanent gestoppt. Erst durch die Betätigung des am Gehäuse befindlichen Arretierungsknopfes kann die sie einspielen. Dadurch werden Schwingungen gedämpft und das Einnorden kann zügig erfolgen.

Bestaunen kann man den Goerz-Artilleriekompass in seiner meisterhaften Qualität im Schul- und Stadtteilmuseum Friedenau, Perelsplatz 6-9, 12159 Berlin, www.friedrich-bergius-schule.de .

Alexander Bauwe, Leiter des Schul- und Stadtteilmuseums Friedenau an der Friedrich-Bergius-Schule / Lo

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