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Exponat des Monats: „Schätze aus dem Müll“

Eine historische Spurensuche auf einer Mülldeponie der deutschen Kaiserzeit

Flaschen aller Art und Verschlüsse erinnern auf dem Schöneicher Plan an längst vergangene Tage.
Flaschen aller Art und Verschlüsse erinnern auf dem Schöneicher Plan an längst vergangene Tage.
Erschienen in Gazette Schöneberg & Friedenau Juni 2017
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Was ist übrig geblieben von den Alltags- und Gebrauchsgegenständen der Zeit um 1900, jener Zeit, in der die heutige Friedrich-Bergius-Schule geplant und erbaut wurde?

Dieser Ausgangsfragestellung ist die Arbeitsgemeinschaft „Junge Historiker“ der Friedenauer Friedrich-Bergius-Schule auf außergewöhnlicher Spurensuche in Mittenwalde im Südosten von Berlin nachgegangen. Unter der fachkundigen Anleitung durch den Projektleiter R. Schelling und der tatkräftigen Unterstützung von I. Noack, einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin des Schul- und Stadtteilmuseums, wurde die am Nottekanal gelegene historische Mülldeponie genauer untersucht. Auf dem sogenannten Schöneicher Plan stand ein Areal im Fokus, auf welchem der Berliner Müll von etwa 1900 bis 1916 deponiert wurde.

Müll aus vergangenen Tagen

Vor mehr als einhundert Jahren wurde der Abfall in Berlin – der schillernden Metropole der deutschen Kaiserzeit – zunächst mit Handkarren und Pferdefuhrwerken abgeholt und auf zentralen Müllplätzen im gesamten Stadtgebiet gesammelt. Mit Kähnen wurde der Müll dann unter anderem über den Nottekanal zum sumpfigen Schöneicher Plan transportiert, um ihn hier mit Hilfe kleiner Loren, die über Feldbahngleise gezogen wurden, zu verteilen. Der sumpfige Boden vermischte sich mit dem abgelagerten Müll und verfestigte sich allmählich zu einer massiven Schicht. Die immer wieder sorgfältig trassierte Fläche erreichte somit eine Schütthöhe mit stattlichem Ausmaß von etwa drei bis acht Metern.

Das deponierte Müllmaterial dieser Zeit ist aus historischer Sicht besonders interessant, da der Abfall zur damaligen Zeit nicht zerkleinert wurde und es Mülltrennung noch nicht gab. – Hervorragende Rahmenbedingungen für eine facettenreiche geschichtliche Spurensuche.

Um 1900 lag das durchschnittliche Müllaufkommen in Berlin pro Einwohner und Tag bei etwa 0,5 kg, darauf weist Maria Curter in ihrem Buch „Berliner Gold“ über die Geschichte der Müllbeseitigung in Berlin hin. Das heutige Müllaufkommen liegt dazu im Vergleich pro Kopf und Tag bei rund 1,7 kg, mit steigender Tendenz. Hinsichtlich der Zusammensetzung des Abfalls in dieser Zeit stellt Maria Curter in ihrem Buch folgendes fest: „Die Analysen ergaben, dass 100 kg Müll zur einen Hälfte aus Feinmüll (Asche und Staub) und zur anderen aus Grobmüll bestanden. Letzterer enthielt etwa 30 kg Fleisch- und Pflanzenteile, 2,74 kg Papier, 3,46 kg Schlacken und Kohleteile, 0,52 kg Weißglas, 0,65 kg Buntglas, 6,13 kg Scherben, 1,14 kg Metall- und Blechbüchsen sowie 0,87 kg Lumpen. Der Rest waren Holz, Knochen und Eisen.“

Berliner Gold

Für das Projekt günstig waren die ersten Tage nach der Schneeschmelze. Die Wildschweine legten als wahre Helfer des Historikers interessante Schätze frei. Da archäologische Grabungen nur mit behördlicher Genehmigung möglich sind, waren die vorgefundenen natürlichen Aufschlüsse und leichten Böschungsrutsche für die Spurensuche von unschätzbarem Wert, um legal an die verborgenen Schichten des historischen Mülls zu gelangen.

Vor Ort wurde klar: Die von Maria Curter erwähnten Müllbestandteile konnten bei der Spurensuche auf dem Schöneicher Plan ebenfalls ermittelt werden. Eingebettet in eine rotbraune Masse, bestehend aus Erde, Kompost und Hausfeuerungsasche wurden u. a. Austernschalen, Bodenfliesen, Flaschenfragmente aller Art, Knochenreste, Haushaltsutensilien, Knöpfe, Kristalle von Kronleuchtern, Parfümflaschen, aber auch Puppenfragmente, Salbendosen, Tafelgeschirr, Tintenfässer und Tischschmuck sowie stark verwitterte Lumpenreste gefunden.

Sie alle fanden den Weg ins Schul- und Stadtteilmuseum Friedenau. Nach akribischer Reinigung der aufgelesenen Schätze folgte die eingehende Untersuchung mit der Lupe. Hinweise und Anhaltspunkte zu Namen, Schriftzügen, Jahreszahlen, Motiven und Material wurden sorgfältig für eine erste Internetrecherche notiert. Das fundierte Fachwissen und das Fachbücher-Angebot von R. Schelling halfen dabei, Fragen zu den Fundstücken zu klären.

Auf dem Schöneicher Plan sind Spuren jahrhundertealter Firmentraditionen zu lesen:

Dazu gehören etwa die Fliesenfunde der Marken Villeroy & Boch und Boitzenburg, eine Odol-Mundwasserflasche, eine Vorratsflasche für Tinte der US-Firma S.S. Stafford und ein Parfümflakon der Marke Ed. Pinaud – Paris, dessen Duft „Fliert“ in der Zeit der Belle Époque ein besonderer Verkaufsschlager war. Direkte historische Bezüge zu Friedenau und der näheren Umgebung ergeben sich über die gefundenen Flaschen und Flaschenverschlüsse aus Porzellan bekannter Brauereien und Mineralwasseranbieter, z. B. aus Schöneberg.

Die intensive Beschäftigung mit dem Müll vergangener Tage brachte eine weitere wichtige Erkenntnis: Der Titel „Berliner Gold“, den das Buch von Maria Curter trägt, scheint sich zu bestätigen, denn das Interesse von Sammlern auf Auktionsbörsen für bestimmte Fundstücke ist je nach Erhaltungszustand hoch. Die gefundenen „Schätze aus dem Müll“ jedoch sind unverkäuflich und im Schul- und Stadtteilmuseum Friedenau für Interessierte zu bestaunen.

Alexander Bauwe, Leiter des „Schul- und Stadtteilmuseums Friedenau“ an der Friedrich-Bergius-Schule/Lo

Auf Ihren Besuch freuen sich Schulleiter Michael Rudolph und Alexander Bauwe, AG „Junge Historiker“

Friedrich-Bergius-Schule
Perelsplatz 6-9, 12159 Berlin

Tel.: 030/90277-7910

E-Mail: Sekretariat@fbs-schule.de
www.friedrich-bergius-schule.de

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