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Vom Wasser- zum Wetterturm

Wetter-Beobachtungen auf dem Steglitzer Fichtenberg

Der Wasserturm in der Deutschen Bauzeitung vom 9. April 1887 und heutige Wetterturm auf dem Fichtenberg.
Der Wasserturm in der Deutschen Bauzeitung vom 9. April 1887 und heutige Wetterturm auf dem Fichtenberg.
Erschienen in Gazette Steglitz August 2017
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Als Krone des rund 70 Meter hohen Fichtenberges in Steglitz reckt sich ein imposanter Turm aus rotem Klinker und Rackwitzer Sandstein mit seinen 40,3 Metern Höhe gen Himmel. Der 1883 erbaute Wasserturm hielt unter mächtiger Kuppel bis zum Jahr 1920 im Reservoir hinter 3,80 Meter dicken Mauern um die 2000 Kubikmeter Liter frisch gepumptes Wasser für die junge Landgemeinde in südwestlicher Hügellage bereit. Heute sitzen Meteorologen mit bester Aussicht auf das Wetter im 1982 entkernten und mit Büros und Fahrstuhl barrierefrei zugänglichen Turm, der seine äußere gewaltige Erscheinung dank Denkmalschutz behalten durfte.

Im Wetterturm der Freien Universität Berlin werden rund um die Uhr und an 365 Tagen im Jahr Daten wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Luftdruck, Windstärke und –Richtung aufgezeichnet, werden Vorhersagekarten analysiert, Hoch- und Tiefdruckgebiete getauft und wird ihre spannende Lebensgeschichte aufgeschrieben.

Rund um unser Wetter im Einsatz ist hier neben der Freien Universität Berlin auch ihr Kooperationspartner, der gemeinnützige Verein „Berliner Wetterkarte“ (BWK).

Verein und Dokumentation „Berliner Wetterkarte“

Vorstand und dessen Vorsitzende, die Diplom-Meteorologin Petra Gebauer, sieben äußerst aktive Vereinsmitglieder sowie Studierende und Praktikanten arbeiten mit an der montags bis freitags inklusiv Wochenendwetter erscheinenden achtseitigen Zeitung „Berliner Wetterkarte“, die aktuelle Wetterdaten Berlins, Deutschlands und der Welt darin dokumentiert und – unterstützt von Deutschem Wetterdienst (DWD) und der FU Berlin – veröffentlicht. Interessierte Privatpersonen, Büros, Versicherungen, Schulen und Universitäten erhalten die bunte Mischung aus aktueller Mittagskarte, Hochs und Tiefs, Satellitenfoto, Vorhersagen und Umweltdaten sowie aktuellen Wetterkarten zum Abonnentenpreis von monatlich 13 Euro zugesandt. Und auch Online kann die tägliche „Berliner Wetterkarte“, die weltweit erfasste Daten enthält, studiert werden.

Als die regelmäßige Erstellung der 1952 von Prof. Richard Scherhag begründeten Berliner Wetterkarte für das Institut für Meteorologie der FU Berlin im Jahr 1998 logistisch nur noch schwer aufrechtzuerhalten wurde, konstituierte sich der Verein und übernahm von nun an diese Aufgabe; mit dem Zweck der Förderung von Wissenschaft und Forschung sowie zur Förderung von Erziehung, Bildung und Studentenhilfe. So begleitet der Verein BWK u. a. Lehrerfortbildungen, Wetterworkshops und Veranstaltungen.

Anlässlich der „Langen Nacht der Wissenschaften“ öffnet er zum Blick hinter die Mauern am 24. Juni 2017 die eiserne Tür zum Wetterturm.

Wetter verstehen lernen

Morten, Studierender der Meteorologie an der FU Berlin, ist als Wetterbeobachter seit zwei Jahren dabei. Er sitzt im sechsten Stock. Die herrliche Aussicht, die man besonders von dem kleinen Austritt vor dem Turmbüro aus über Berlin hat, lenkt den Studenten jedoch kaum von seiner Arbeit am PC ab. Er spricht sich mit anderen Kommilitonen zeitlich ab, so dass rund um die Uhr der Platz besetzt ist. Schon vor Studienanfang, als Praktikant, hatte er hier mitgeholfen.

Er erzählt von den unterschiedlichen Wolkenkonfigurationen, die – im Code verschlüsselt – weltweit lesbar werden, und weshalb Gewitter so schwer zeitlich vorhersehbar sind.

Die Wetterbeobachtungen aus der Dahlemer Station als einer der ältesten in Berlin mit durchgehender Datenreihe gehen stündlich in die Datenvielfalt des Deutschen Wetterdienstes (DWD) ein. Auf dem Gelände hinter dem Turm, der Ansichts-Messwiese, finden die Studierenden für ihre Beobachtungsübungen Wetterhütte, Wetterwarte, Erdbodenmessfeld und Niederschlagswächter, daneben die Wetterwarte, die u. a. zur Windregistrierung genutzt wird. Dass die empfindlichen Messgeräte genauestens vom Menschen überwacht werden müssen, um Fehlmessungen zu verhindern, ist hier schon so manchem Studenten klar geworden: Etwa, wenn der Temperaturfühler für die Bodentemperatur eingeschneit oder das Regensammelbecken von Blättern verstopft war.

Schulklassen nutzen an Projekttagen gerne im Wetterturm die Schüler-Uni im „EarthLab“, in dem Meteorologie zum Anfassen verständlich präsentiert wird.

Aus der Zusammenarbeit vom Institut der Meteorologie FU Berlin, BWK und Schülern des Biesdorfer Otto-Nagel-Gymnasiums entstand so im Jahr 2009 auch das Begleitheft zur Wetterturmführung, das anschaulich für Klein und Groß Einblick in die Meteorologie bietet. Ebenso interessant und für 19.- Euro im Turm zu erwerben ist die vom BWK mit Unterstützung der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft (DMG) herausgegebene „Berliner Klimafibel“, die 100 Jahre Wetteraufzeichnungen birgt.

Ein Hoch namens Yasmine

Die Aufgaben des BWK-Vereins und der Studenten im Wetterturm sind vielfältig und bereiten sie umfassend auf ihre spätere Berufspraxis vor: Da gilt es Hoch- und Tiefdruckgebiete auf ihre Namen zu taufen und ihre Lebensgeschichte zu schreiben. Darin erfährt man dann ausgiebig, wann das Hoch „Yasmine“ vor der Südwestküste Grönlands geboren wurde, erstmals Europa bereiste, und dass es sich nach immerhin 15 Tagen Lebensdauer an der norwegischen Küste auflöste. „Die Studenten lernen durch das Verfassen dieser Beschreibungen, genau hinzusehen und Wetterdaten zu analysieren“, lobt Petra Gebauer den Lehrwert derartiger Aufgaben.

Die Möglichkeit, Taufpate für Hoch oder Tief zu werden und ihm seinen Namen zu geben, besteht seit zehn Jahren. Der Verkauf dieser Wetterpatenschaften trägt finanziell mit dazu bei, dass die Studenten einen kleinen Obolus für ihr freiwilliges Engagement erhalten können und hilft, wenigstens einen Teil der anfallenden Kosten zu decken.

Der Taufpate erhält dafür Urkunde und Lebensgeschichte des Hochs oder Tiefs seines Namens. „Er kann dann wählen, ob er sich von den Medien gegebenenfalls befragen lassen möchte oder nicht“, erzählt Petra Gebauer. – Denn das kann anstrengend für den Paten werden, sollte „sein“ Tief einen Jahrhundertsturm im Gepäck haben oder „ihr“ Hoch Rekordtemperaturen bescheren.

Ursprünglich stammt die Patenschafts-Idee aus den USA, wo seit den 40er-Jahren Taifune und Hurrikans Namen erhielten.

Bis in die 80er-Jahre waren nur Tiefs weiblich, doch auch sie konnten sich im Laufe der Jahre emanzipieren. Zu jedem Jahreswechsel wird nun für das kommende Jahr festgelegt, welches Geschlecht die Hochs und Tiefs haben werden. So sind in diesem Jahr die Hochs weiblich.

Zur Anzahl der jährlich durchziehenden Hochs und Tiefs bietet die Meteorologin eine Denkaufgabe: Tiefs durchlaufen jährlich im Durchschnitt mit ihren Namen fünf- bis sechsmal das Alphabet, Hochs nur zweimal.

Wer eine historische Wetterkarte von einem besonderen Tag sucht, für den ist der Verein ebenfalls der richtige Ansprechpartner, bei dem er sie erwerben kann.

Petra Gebauer vom BWK wünscht sich für die Zukunft viel Sonne über dem Wetterturm: Dass die Arbeit dort gemeinsam mit dem Meteorologen-Nachwuchs und für dessen Zukunft erfolgreich in Kooperation mit FU Berlin, DWD und allen anderen Unterstützern weitergeführt werden kann – bei ausreichend Personal und finanziellen Mitteln.

Weitere Informationen und Spendenkonto des BWK e. V. unter www.berliner-wetterkarte.de

Jacqueline Lorenz

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