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Wunderkammer für alle – Das Jugend Museum Schöneberg

Innovatives Museum in historischer Stadtvilla

Jugend Museum Schöneberg und Schöneberg Museum. Foto: Dirk Hasskarl
Jugend Museum Schöneberg und Schöneberg Museum. Foto: Dirk Hasskarl
Erschienen in Gazette Schöneberg & Friedenau Oktober 2018
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Wo einst Schöneberger „Millionenbauern“ den über Nacht aus dem Verkauf ihres Ackerlandes hervorgegangenen Reichtum feierten, trifft heute Gegenwart auf Geschichte: In der gelben, rund 140 Jahre idyllischen Doppelvilla an der Hauptstraße 42, die mit prachtvoller Mosaikdecke und Marmorsäulen an vergangene Tage wohlhabender Bauern erinnert, hat sich seit 1994 das innovative Jugend Museum etabliert. Aus der regionalen Geschichtsarbeit des Schöneberg Museums unter ihrer einstigen Leiterin Petra Zwaka hervorgegangen, gehört es zu den kommunalen Museen Tempelhof-Schöneberg. Experimentierfreudig und generationsübergreifend spricht es all diejenigen an, die fremde Lebensgeschichten aktiv erkunden, Neues entdecken und Berliner Geschichte lebendig erfahren möchten. Dabei wird in dem Baudenkmal des „Ensemble Dorf Schöneberg“ ein breites Spektrum an Projektarbeit mit wechselnden Kooperationspartners geboten, das nicht nur Kinder und Jugendliche begeistert.

Im Haus befindet sich neben dem Jugend Museum auch das Schöneberg Museum sowie das gemeinsame Archiv der Museen Tempelhof-Schöneberg, alle kommunale Einrichtungen des Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg.

Auf Entdeckungstour

Diplom-Pädagogin und Kunsttherapeutin Ellen Roters, seit 1994 in erster Reihe dabei und seit Februar 2017 nun auch Pädagogische Leiterin des Jugend Museums, spricht für das interdisziplinäre, frei arbeitende Team an ihrer Seite, u. a. bestehend aus Historikern, Theater- und Medien-Pädagogen sowie Absolventen des Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJler): „Wir sehen uns nicht als Belehrende der jungen Menschen. Vielmehr entwickeln wir anstatt FÜR sie, gemeinsam MIT ihnen Projekte, woraus ein noch größerer beidseitiger Gewinn resultiert.“

Auf drei Etagen und verschiedenen Ausstellungsflächen sprechen im Jugend Museum als besondere Highlights die Dauerausstellung mit 27 Wunderkammern und die „Villa Global“ als Schnittmenge zwischen Jugend Museum und Schöneberg Museum die jungen Museumsbesucher an, die im Alter zwischen 8 und 18 Jahren, für spezielle Projekte aber auch im Vorschulalter sein können.

Im Erdgeschoss werden wechselnde Themenausstellungen präsentiert, die mit der Stadtgeschichte und unserem aktuellen Leben verbunden sind.

Im Keller laden eine kindgerechte Druckerei mit Druckmaschine, Werkstatträume zum kreativen Gestalten, ein bunter Theaterfundus und das spannende Archiv zum Mitmachen und Eintauchen in die Geschichte(n), zum Stöbern und Nachforschen ein.

Wunderkammern – Wunderkisten

Es riecht nach Malfarben, ausgestopften Tieren und Papier. Hüte, die schon manch schütteres Haupt verhüllten, warten heute darauf, auf Kinderköpfen zu neuem Leben erweckt zu werden. Manch Erwachsener möchte da wieder zum Kind werden, sich unter weitem Umhang verstecken und als Räuber die „wahre Geschichte“ nachspielen, die sich vor über 200 Jahren am heutigen Standort der Museums-Villa ereignet haben soll:

1810 zündete eine berüchtigte Räuberbande das an dieser Stelle erbaute Haus des Dorfschulzen an. Zuvor hatte die Bande bereits zahlreiche Häuser vom Dachboden aus in Brand gesetzt, um im Trubel der Löscharbeiten alles stehlen zu können, dessen sie habhaft wurde. Doch der Räuberhauptmann Peter Horst machte einen Fehler: Anhand einer in Schöneberg gestohlenen Pfeife, die er bei sich trug, wurde er beim Passieren des Potsdamer Tores auf dem Weg nach Berlin vom Torwächter erkannt, der auch Pfeifenputzer beim Bestohlenen war. Horst wurde verhaftet und mit seiner Komplizin Luise Delitz auf dem Scheiterhaufen hingerichtet.

In 27 Wunderkammern hat das Museum nach Themen zusammengetragen, was wundersam und wertvoll, bizarr und berührend ist. Das Anfassen der Objekte ist erwünscht, und zu manchem Teil kann sogar themenbezogen nach- und weitergeforscht werden. Während in der einen Wunderkammer zum Thema „Tod“ ein Skelett dem Besucher die Knochenhand entgegenstreckt, thematisieren in einer anderen Soldatenhelme und Verbandskasten den Krieg. Zum Auspacken fordert gleich gegenüber ein Koffer mit betagten Tennisschlägern und –bällen auf, den einst Dr. Hildegard Hess († 2014), erste deutsche Lebensmittelmittelchemikerin, mit liebgewonnenen Erinnerungsstücken gepackt hatte.

So steht bei allen Themen der Kammern der Mensch und die Geschichte Berlins im Mittelpunkt; – reizvoller Ausgangspunkt für Kinder und Jugendliche, dazu vor Ort anhand geheimnisvoller Archiv-Kartons weiter zu forschen oder in die Rolle einer der erwähnten Personen zu schlüpfen, um ihre Geschichte nachzuspielen. Requisiten in den Regalen, vom alten Telefon bis zur längst ausgedienten Schreibmachine, und die passende Verkleidung stehen und hängen bereit. Da hört man schon mal Sätze aus dem Kindermund wie: „Eine Schreibmaschine? Toll, da ist der Drucker ja gleich mit drin!“

Spielen, Lernen, Erfahren und Entdecken mit Spaß stehen hier Seite an Seite, Geschichtswissen gibt´s dazu.

Während der vom Jugend Museum regelmäßig angebotenen Projekttage für Schulklassen und Gruppen, sind fachmännisch begleitet und in kleinem Kreis schon so manche „Wunderkistchen“ entstanden, in denen die Kinder ihre eigene ganz besondere Sammlung ebenso fantasievoll wie beeindruckend geschaffen haben.

„Villa Global – The next generation“

Nicht weniger interessant und auch für ältere Jugendliche spannend, ist die durch 14 Räume führende, aus dem Modellprojekt „Heimat Berlin“ hervorgegangene Porträtausstellung, die in ganz unterschiedliche „Wohnzimmer“ ebenso unterschiedlicher Menschen im Alter zwischen 13 und 80 Jahren Einblick gewährt. Die sind alle in irgendeiner Weise mit dem Museum verbunden, leben schon lange oder erst kurz in Berlin und haben selbst mit privaten Dingen ihren Raum einrichten können, ganz nach ihren Vorstellungen.

Das Besondere: In den Räumen dürfen vom Besucher Schränke und Schubladen geöffnet, Fotoalben aufgeschlagen, Briefe gelesen werden, um die jeweiligen „Bewohner“ darüber näher kennenzulernen: Da ist die Journalistin Rose-Anne, in USA aufgewachsen, mit drei Kindern, deren Lebensmittelpunkt der große runde Tisch inmitten der Wohnküche ist oder Hanadi aus dem Libanon, da ist die waschechte Berliner Rentnerin Christa oder Sadaf aus Afghanistan: Die Räume erzählen ihre Geschichte und machen so die Vielfalt der Menschen in Berlin und ihre Gemeinsamkeiten behutsam sicht- und spürbar. Auch hierzu werden Projekttage angeboten.

Projektvielfalt und –ziele

Um junge Menschen mit Zeitgeschichte experimentell vertraut zu machen, führt das Jugend Museum neben Workshops – auch in den Ferien – regelmäßig Modellprojekte zum historischen Lernen und Diskutieren über aktuelle Themen durch: Aktuell gehört das aus Bundesmitteln geförderte „Geschichtslabor“ dazu, in dessen Rahmen Schüler zu prägnanten Geschichtsereignissen wie einerseits der NS-Zeit oder andererseits zu speziell Berliner Geschichte aktiv forschen und recherchieren können.

Aber auch stiftungsfinanzierte Projekte und ausstellungsgekoppelte Projekte aus dem Mitteln des Masterplan für Integration und Sicherheit werden immer wieder vom Haus durchgeführt, wie das Projekt „Raus ins die Stadt, rein ins Leben“, das Erstaufnahmeeinrichtungen für geflüchtete Menschen einbezieht und junge Geflüchtete mit Bezirksbewohnern zusammenbringt.

Inklusivität und ein respektvoller Umgang miteinander steht bei den Zielen des Jugend Regionalmuseums stets ganz oben. Themen wie Intersexualität, Geschlechterrollen und sexuelle Identitäten bringt die interaktive, ausgezeichnete Ausstellung „ALL INCLUDED! Museum und Schule gemeinsam für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt“ über aktuelle Projektarbeit jungen Menschen näher und führt sie ungezwungen an andere, unbekanntere Lebensformen und Menschen heran.

Projekte und Workshops finden aber nicht nur in der historischen Stadtvilla statt, sondern auch an Bezirks-Gedenkstätten wie dem Denkmal am Bayerischen Platz, dem SA-Gefängnis in der Papestraße oder dem Schwerbelastungskörper.

Und auch Seminare für Lehrkräfte findet man häufig im Veranstaltungsraum des Hauses, das darüber hinaus umfangreiches Lehr- und Lernmaterial sowie Materialkoffer bereithält.

Übrigens: An jedem 1. Sonntag im Monat heißt es im Jugend Museum Schöneberg: Auf ins Museum, es ist Familiensonntag! Ohne Anmeldung und kostenlos rücken dort Themen zu den aktuellen Ausstellungen wie „Sammeln“ oder „Geschichte erleben“ in den Mittelpunkt und laden zum aktiven Mitmachen und Spaßhaben ein.

Weitere Informationen zum Jugend Museum Schöneberg unter www.jugendmuseum.de , Informationen zu den Museen Tempelhof-Schöneberg unter www.museentempelhof-schoeneberg.de .

Jacqueline Lorenz

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