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NEUES WOHNEN in Steglitz und Zehlendorf

Auch zweites Symposium begeisterte nicht nur Fachleute

Erschienen in Gazette Steglitz November 2018
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Neues Bauen im Berliner Südwesten, 96 Seiten + 82 Abbildungen, € 19,95; Gebr. Mann Verlag – Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft, ISBN 978-3-7861-2822-9
Neues Bauen im Berliner Südwesten, 96 Seiten + 82 Abbildungen, € 19,95; Gebr. Mann Verlag – Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft, ISBN 978-3-7861-2822-9

Das Thema Wohnen betrifft uns alle. Auch wenn erst im Jahr 2020 die Hauptstadt „100 Jahre Groß-Berlin“ feiert, macht die aus diesem Anlass im vorigen Jahr vom Fachbereich Kultur Steglitz-Zehlendorf unter der Schirmherrschaft der Bezirksbürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski ins Leben gerufene Symposien-Reihe mit architekturhistorischem Schwerpunkt auf den Verwaltungsbezirken Steglitz und Zehlendorf schon jetzt deutlich: Der Wohnraummangel in den 20er-Jahren verlangte damals ebenso ideenreiche und auf soziale und gesellschaftliche Aspekte lösungsorientierte Architekten und Wohnformen, wie wir sie in Zeiten erhöhten Wohnraumbedarfs auch heute dringend benötigen. – Schließlich ist Berlin in den letzten acht Jahren um rund 300.000 Einwohner gewachsen, was in etwa der Einwohnerzahl eines Stadtbezirks entspricht.

Vom NEUEN BAUEN…

In seinem ersten themenbezogenen Symposium “NEUES BAUEN“ im Jahr 2017 hatte der Kultur-Fachbereich mit seiner Leiterin Dr. Brigitte Hausmann und Wissenschaftlichen Mitarbeiterin Heike Stange die Voraussetzungen für modernes Bauen zur Zeit Groß-Berlins in Steglitz und Zehlendorf vorgestellt sowie seine Akteure und die nach damaligem neuen Konzept – nicht ohne Probleme – erbauten öffentlichen Einrichtungen wie das Rathaus Zehlendorf und das Strandbad Wannsee. Die beiden ländlich geprägten Vororte befanden sich damals auf bestem Weg zu städtischen Vierteln mit modernen Wohnanlagen und individuellen Einzelhäusern in der südwestlichen Peripherie der Metropole.

Der dazu als sinnvolle Zusammenfassung gerade frisch auf dem Buchmarkt erschienene Band „Neues Bauen im Berliner Südwesten“ wurde Mitte Oktober anlässlich des zweiten, wiederum in der Schwartzschen Villa veranstalteten Symposiums von Herausgeberin Dr. Hausmann präsentiert. Verbunden damit ist die Bitte des Kulturamtes an die Bürger, ihm zeitnah für seine geplante Architektur-Ausstellung individuelle Geschichten, Bilder und Pläne aus dem Bezirk zum Thema NEUES BAUEN zukommen zu lassen.

…zum NEUEN WOHNEN

…im Innern der überwiegend aus den 20er /30er-Jahre stammenden Bauten referierten auch im zweiten Symposium wieder hochkarätige Fachleute in Wort und Bild vor architekturinteressiertem, diskussionsfreudigem Publikum.

Im Vortrag der Kunsthistorikerin vom Bauhaus Archiv Dr. Sibylle Hoimann ging es um die Gestaltung neuer Lebens- und Wohnformen in der Aufbruchsstimmung der 1920er-Jahre hin zur Wohnung als Gebrauchsgegenstand. Der Wunsch nach Licht, Sonne und Luft, entstanden aus katastrophalen Wohnverhältnissen heraus, ließ Architekten wie Bruno Taut variable Grundrisse und funktionales Mobiliar entwerfen. Taut verdammte wie viele seiner zeitgemäßen Kollegen, „unechte“ mit Leisten besetzte, wuchtige Möbelstücke vergangener Epochen ebenso wie jeden überflüssigen Ornament- und Deko-Schnickschnack. Taut nannte dies „das Abschöpfen des Fettes“. – In seinen Bauten schuf er absichtlich kleine Türen und Fenster, um derartigen Möbeln aus der Vergangenheit den Weg in den modernen Wohnraum zu versperren, sagt man.

Weit verbreitete Ratgeber und Anleitungen hin zu leichterem Leben und damit zur Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse wandten sich da deutlich an die berufstätige Frau „als Schöpferin“ und stellten die Frage. „Was braucht der Mensch eigentlich wirklich zum Leben?“ Minimalismus bis hin zum Purismus des Wohnraumes wurde gelehrt, wie ihn auch Architekt und Stadtplaner der klassischen Moderne Ludwig Hilberseimer, Mitbegründer der Architektenvereinigung „Der Ring“, in seiner Arbeit praktizierte. So galt auch für ihn die Aussage: „…Die beste Wohnung ist die, die zum Gebrauchsgegenstand geworden ist…“

In errichteten Mustersiedlungen, die für die Innovationskraft jener Jahre standen, wurde dieses Streben umgesetzt. Da hielten durchdachte, für damalige Verhältnisse ungemein moderne Küchen nach Vorbild der „Frankfurter Küche“ Einzug: mit glatten Schleiflackoberflächen, Schiebetüren und variablen Haushaltsgegenständen wie klappbarem Bügelbrett oder mit zur Sitzcouch umwandelbarer Liege halfen sie, in den von der Quadratmeterzahl her kleinen Wohnungen Platz zu sparen. Es galt: „Das Haus ist ein Instrument. Darauf spielen zu können, ist lebendiges Wohnen.“

Rauchlose Siedlung, neue Sachlichkeit und mehr

Mit dem Ausbau des Berliner Stromnetzes und mit dem „Kraftwerk Steglitz“ folgte nach Plänen des renommierten Architektenbüros Mebes & Emmerich 1931/32 die Errichtung der ersten „rauchlosen“ rund 1000 Wohnungen zählenden Zeilen-Siedlung am Steglitzer Damm/Munsterdamm.

Bauherr war die gemeinnützige Bau- und Siedlungs-AG „Heimat“, die ihren Sitz in Zehlendorf-Süd hatte – im heutigen Gemeindehaus der evangelischen Kirchengemeinde „Heimat“.

Mit dieser innovativen Steglitzer Siedlung erprobte man in der Praxis neue Architektur- und Wohnformen, die sich neuartiger Technik bedienten. Noch heute beherbergt die Anlage eine „Museumswohnung“, die damalige Wohnverhältnisse widerspiegelt und besucht werden kann.

Publizist und Buchautor Michael Bienert zeichnete im Symposium ein lebendiges Bild über die Hintergründe damaliger „moderner“ zweckgerechter Wohnform, in der im elektrifizierten Haushalt das Kleinbad mit Badeofen und Minibadewanne ebenso zum Komfort gehörte wie eine separate Küche für die berufstätige (Haus)frau, welche die Wohnküche ablöste.

Trotz der Reihenbauweise mit aus dem Industriebau übernommenen, schlichten Treppenhaus-Anlagen achteten die Architekten auf ein abwechslungsreiches Fassadenbild, das durch geschickt angelegte Abstände, Balkone und unterschiedliche Eingangstüren Monotonie entgegenwirkte, dabei einerseits Nachbarschaftsflair, andererseits aber auch persönlichen Rückzugsort schuf.

Arbeitserleichternde Baumaschinen waren rar, und in mühevoller „Handarbeit“ galt es die Siedlungshäuser zu errichten; aus Bauteilen, die oftmals noch mit Pferdefuhrwerken herangeschafft werden mussten.

Noch heute findet der aufmerksame Beobachter in Steglitz auf den inzwischen durch viel Grün aufgelockerten Anlagen mit halbgeschlossenen Höfen Relikte aus den 30er-Jahren wie Teppichklopfstangen und runde Sandspielkästen.

Wie dicht in den 20er und 30er-Jahren Bauhaus-Moderne und Art Decó bei Raumausstattung und Einrichtungsgegenständen beieinanderlagen, zeigte die Kunsthistorikerin und Dozentin an der Freien Universität Berlin, Prof. Dr. Gisela Moeller, anhand von Villen und Siedlungsbauten aus dieser Zeit von Steglitz und Zehlendorf auf: Dazu zählen u. a. Haus Sommerfeld in Dahlem, Haus Otte in der Zehlendorfer Wolzogenstraße 17, Haus Joseph Levin in der Zehlendorfer Fischerhüttenstraße und die Sommerfeld-Aue in der Onkel-Tom-Straße 85. – In der von Richard Neutra – einem begeisterten Theaterfreund – gestalteten Villa befand sich sogar eine Drehbühne, zu der es vom Wohnzimmer aus zu drei Bühnen-Raumteilen Zugang gab: Je nach Bedarf erschienen Musik-, Esszimmer oder Bibliothek. Die aufwendige Drehbühnen-Mechanik dafür befand sich im Untergeschoss der Villa.

Eigen war all diesen Häusern, welche den Entwürfen von Walter Gropius, Bruno Taut, Bruno Paul, Herrmann Muthesius oder Marcel Breuer entstammen, die weiße zukunftsweisende Einbauküche, die den späteren Küchenzeilen Pate stand.

Während Namen wie Gropius, Paul und Taut seit den 20er/30er-Jahren für den Wandel hin zu Neuer Sachlichkeit standen, hat es ein Name dieser Bauepoche stets schwer gehabt, sich in den Köpfen festzusetzen, obwohl er maßgeblich zum Sieg des neuen Baustiles mit beigetragen hat: Architekt Otto Rudolf Salvisberg, dem sich in seinem Vortrag Dr. Thomas Steigenberger widmete, lebte und arbeitete in Steglitz-Südende. Gründe sieht der Publizist u. a. darin, dass Salvisberg der Hang zur Selbstdarstellung zeitlebens gänzlich fehlte, der bei Architekten wie Gropius hingegen überdeutlich ausgebildet war. Auch beteiligte sich Salvisberg kaum an Diskursen seiner Zeit. Als einer der meistbeschäftigten Architekten der 20er-Jahre hat er allein in Steglitz und Zehlendorf weit über 20 erhaltene Einfamilienhäuser hinterlassen, die außen- und innenausbauumfassend Reformarchitektur hin zum Neuen Bauen zeigen und sich bei aller puristischen Moderne einen wohltuenden Gemütlichkeitsfaktor erhalten haben. Dazu gehören die Ladenstraße Onkel Toms Hütte ebenso wie die Großsiedlung Lankwitz. Beispielhaft für Salvisberg´s Architekturidee vom dreiseitig verglasten Wintergarten war das einstige Haus Stern am Kleinen Wannsee.

NEUES WOHNEN morgen

Abschließend rundete das zweite Symposium, von dem 2019 ebenfalls eine Zusammenfassung in Buchform erscheinen soll, eine Podiumsdiskussion zum Thema „Neues Wohnen – 100 Jahre später“ ab. Neben dem Wunsch von Dr. Ute Scheub vom Verein Papageiensiedlung e. V. nach weiterer guter Durchmischung der Waldsiedlung mit Jung und Alt sowie Arm und Reich, gab es da auch das Anliegen Dr. Jörg Rüter von der Unteren Denkmalschutzbehörde Steglitz-Zehlendorf: „Derzeit bewegen uns zum Erhalt der Werte aus der Nachkriegsmoderne die „schlafenden Riesen“:“ Damit sprach Rüter Bauten wie die Benjamin-Franklin-Krankenhaus-Anlage in Steglitz an, die es unter Beteiligung der FU Berlin zur Wertschätzungsfindung zu erhalten und weiterzuentwickeln gelte. Und Dipl.-Ing. Tim Heide wünscht sich, dass zukünftig mehr Architekten bei der Planung, anstatt lediglich auf Effizienzregeln zu setzen, solch innovativen Geist zeigen mögen, wie er ihren Kollegen der 20er-Jahre innewohnte. Außerdem sollten potentielle Hausbewohner bereits vor der Bau-Planungsphase nach ihren Bedürfnissen gefragt werden. – Nur so könne man einem Wohnungsbau in den kommenden 50 Jahren gerecht werden, der sozialverträglich der bestehenden Wohnraumknappheit erfolgreich entgegenwirkt

Jacqueline Lorenz

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