Gazette Verbrauchermagazin DIN-A4-Bezirks-Magazine DIN-A5-Ortsteil-Journale

100 Jahre Kleingartenanlage Sonnenschein-Lichterfelde e. V.

Ruhepol mit Schnittlauchblüte und Goldfischteich

Erschienen in Gazette Steglitz August 2019
Anzeige
Ballettschule am MexikoplatzMalermeisterMesserschmiedemeisterStahl-HartK & K TouristikSteuerberater

Das Kleingartenwesen besitzt eine über 150-jährige Tradition. Bereits auf 100 Jahre blickt die Kleingartenkolonie Sonnenschein an der Hochbaumstraße zurück. 1919 wurde sie in der Blütezeit der Kleingartenbewegung gegründet.

Inzwischen besitzt sie rund 200 zwischen 250 und 400 Quadratmeter große Parzellen, auf denen bei erschwinglicher Pacht gesät, gejätet, geerntet, aber auch gefeiert und Gemeinschaft gepflegt wird. Knackige Gemüse und süße Früchtchen, duftende Rosen und heilende Kräuter stehen hier keineswegs in Konkurrenz miteinander. Vielmehr leisten sie gemeinsam als Teil der grünen Lunge Kleingarten einen wichtigen Beitrag zur Biodiversität und zur Widerstandfähigkeit unserer Stadtnatur gegen Folgen der Klimawende.

Doch dabei kommen der Erholungswert und das Vergnügen in der Natur für die Kleingärtner der Anlage keineswegs zu kurz. Kleine und große Besucher können sich davon am 17. und 18. August 2019 auf dem Jubiläums-Gartenfest anlässlich des 100. Geburtstages der Kleingartenanlage Sonnenschein vor Ort überzeugen.

Vereint im Verein

Sonnen- und Jupiterweg weisen den Weg über knirschenden Kies vorbei an blühenden Gärten, grünen Beeten und freundlichen Kleingärtnern. Auf dem geräumigen Festplatz im Schatten einer uralten Eiche liegt das Vereinshaus.

Dass es sich hier gut feiern lässt, sieht man auf den ersten Blick: Ein hölzerner Bühnenpavillon mit Tanzfläche, Grillplatz und Rundbänke machen Lust auf das nächste Sommerfest. Zwei Spielplätze für die ganz Kleinen und die Größeren lassen keinen Wunsch offen, sogar eine Tischtennisplatte gibt es. Alles solide, akkurat. Kein Wunder, die Bauleitung hatte Wolfram Häntzschel, Bauingenieur, Zimmermann – und seit 13 Jahren geschäftsführender Vorstandsvorsitzender des Kleingartenvereins. Zuerst übernahm Häntzschel die Aufgabe des Wasserwartes, fiel schon da durch seine Genauigkeit auf. „Ich habe mich bei Sitzungen immer kritisch geäußert“, erklärt Häntzschel schmunzelnd. Zwei Jahre nachdem der auf der Kleingartenanlage mit seiner Familie eine Parzelle übernommen hatte, wurde ihm das Amt des 1. Vorstandsvorsitzenden im Jahr 2006 übertragen.

Die Genauigkeit, Disziplin, Sparsamkeit und Liebe zur Kleingarten-Kultur, mit der Wolfram Häntzschel die Anlage leitet, wurde ihm wohl schon in die Wiege gelegt: 1942 wurde er in Dresden geboren, bei der Bombardierung der Stadt 1945 starben beide Großeltern-Paare. Die Eltern – Mutter Geschichts-Professorin und Vater preußischer Offizier – zogen mit ihren sieben Kindern nach Berlin an den Marinesteig am Schlachtensee, wo sie wohlbehütet aufwuchsen. Ab 1951 hatte die Familie eine Parzelle in Schlachtensee-Süd. „Laubenpieper waren damals typisch für Berlin. Ich war sowieso an allem, was mit Natur zu tun hatte, brennend interessiert“, erinnert sich Wolfram, der oft alleine durch den Botanischen Garten streifte, um die lateinischen Namen der Pflanzen zu lernen.

Während seiner Arbeit als Bauleiter blieb später wenig Zeit für das grüne Hobby, zu dem er nach der Pensionierung aber schnell und umso intensiver zurückfand.

Es grünt so grün

Wolfram Häntzschels Handschrift findet sich in der Kleingartenanlage Sonnenschein-Lichterfelde e. V. inzwischen vielerorts: Nicht nur in den Gemeinschaftsbauten, auch in der Leitung der Kolonie spiegelt sie sich wider und hat viel „Grünland“ geschaffen:

So hat Häntzschel einiges zur Verjüngung und kulturellen Vielfalt der Kolonie beigetragen. Parzellen hat er überwiegend an Familien mit Kindern abgegeben, und inzwischen bewirtschaften einen Teil der Gärten Menschen aus anderen Kulturen wie Chinesen, Polen, Türken und Russen. „Sie haben sich der deutschen Gesellschaft angepasst und fühlen sich wohl hier. In unserer Gartengemeinschaft hat jeder gleiche Rechte und Pflichten. Aber man muss auch wissen: Die Anlage hat 200 Parzellen – und 100 verschiedene Charaktere“, erklärt der 1. Vorsitzende, der Parzellenbewerber grundsätzlich zum persönlichen Gespräch bittet. Nur so kann er feststellen, ob sie auf die Anlage passen werden. Dazu gehört auch, sich an der rund vier Stunden über das Jahr verteilten Gemeinschaftsarbeit in der Kolonie zu beteiligen. Kleingärtner im Alter über 70 sind davon befreit.

Einen großen Schritt voran hat Häntzschel die Kleingartenanlage Sonnenschein gebracht, der nach der Wende der Abriss und die Umwandlung zur Sportanlage gedroht hatte. Dank der geschickten Verhandlungstaktik des damaligen Baustadtrates und späteren Bezirksbürgermeisters Norbert Kopp hatte das verhindert werden können. Die Kolonie Sonnenschein wurde mit öffentlicher Durchwegung und geregelter Müllentsorgung zur Dauerkleingartenanlage. Häntzschel arbeitete mit seinem Team später akribisch auf die Anerkennung der Kleingartenanlage als gemeinnütziger Verein hin. Nach anderthalb Jahren, 2014, war das geschafft. „Der Verein gehört zur Absicherung der Pächter“, betont Wolfram Häntzschel. Seinem wirtschaftlichen Geschick ist es zu verdanken, dass die Kolonie schuldenfrei ist. Derzeit beschäftigt ihn die Überlegung zu einer eventuellen Genossenschaftsgründung innerhalb der Kolonie. Dann könnte jeder Pächter seine Parzelle kaufen, jedes Grundstück müsste aber auch an die Stadtentwässerung angeschlossen werden.

Im nächsten Jahr steht in der Kolonie die nächste Vorstandswahl an. Häntzschel, der auch als unabhängiger Baugurtachter ab und zu für den Bezirksverband unterwegs ist, und mit 77 nun etwas kürzer treten möchte, will sich noch einmal der Aufgabe des Vorstandsvorsitzenden stellen, „aber dann auch meinen Nachfolger einarbeiten, denn neben einem großen Kleingärtner-Herzen gehört auch viel Fachwissen und Geschäftssinn dazu“, betont Häntzschel, der auch zukünftig nur das Beste für „seinen“ Kleingartenverein Sonnenschein-Lichterfelde e. V. will.

Er selbst sitzt, wenn es seine Zeit erlaubt, gerne auf der kleinen Bank am Teich, in dem Goldfischen und Rotfedern nach Mückenlarven jagen. Ein Netz schützt sie vor dem Appetit des Reihers. Ab und zu kommen Paul und Paula zum Essen – zwei Krähen, die hier den ein- oder anderen Leckerbissen vom Hausherrn kredenzt bekommen. Auf den geschwungenen Beeten des Gemüsegartens (Wolfram: „Ich mag keine geraden Linien.“) wachsen u. a. Erdbeeren, Knoblauch und Salat. Rosenbüsche und ein Steingarten bringen Abwechslung ins Bild. Auch die Hollywood-Schaukel darf nicht fehlen. Die Gartenzwerge hingegen stehen beim Nachbarn. Einen Zaun zu ihm braucht es hier nicht – schließlich ist man Teil des Vereins, Teil der Kleingärtner-Gemeinschaft.

Vom Armengarten über Schrebergarten zum Kleingarten mit Teich

Anfang 1900 legten Stadtverwaltungen und Wohlfahrtsorganisationen Armengärtenanlagen an, um damit dem Hunger und der zunehmenden Verarmung entgegenzuwirken. Um 1850 entstanden insbesondere in Berlin Laubenkolonien des Roten Kreuzes, der Arbeiterbewegung und Gärten der Bahnlandwirtschaft. Damals entstand wohl auch die scherzhafte Bezeichnung „Laubenpieper“.

Der Leipziger Arzt Moritz Schreber sprach sich für diese Gärten wegen ihrer gesundheitsfördernden Wirkung aus. – Erfunden hat er den „Schrebergarten“ jedoch nicht. Der Name geht vielmehr auf die Initiative von Schuldirektor Hausschild, einen Mitstreiter Schrebers, zurück. Hausschild legte 1865 in Leipzig den Schreberplatz an, der Arbeiterkindern unter pädagogischer Betreuung als Spielplatz diente. Erst der Lehrer Karl Gesell legte rund um den Platz Gärten an, aus den Kinderbeeten entwickelten sich Familienbeete. Schließlich parzellierte und umzäunte man sie zu „Schrebergärten“. Geräteschuppen, Lauben und Zäune kamen nach und nach hinzu. Der erste Schreberverein wurde 1891 gegründet, bald kamen weitere dazu.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurden als Maßnahme gegen Versorgungs- und Wohnungsnot vielerorts Kleingartengebiete für die Bevölkerung ausgewiesen. Neben einfachen Lauben entstanden auch ganzjährig bewohnbare Häuschen, die von den Stadtverwaltungen geduldet wurden.

Etliche der nach dem Krieg entstandenen Kleingartengebiete tragen bis heute die Bezeichnung „Reservebauland“. Wird dieses Bauland benötigt, haben die darauf etablierten Kleingärtner mit ihren Parzellen kaum eine Zukunft.

Positiv in die Zukunft schauen kann aber die Kleingartenanlage Sonnenschein-Lichterfelde e. V. auch noch nach 100 Jahren.

Besucher der 100-Jahr-Feier am 17. August 2019 erwartet ab 15 Uhr mit open End u. a. Leckeres aus Fass, Flasche und Cocktailglas sowie von herzhaft bis süß. „Simone und ihr flotter Dreier“ heizt musikalisch ein, und auch das Tanzbein darf geschwungen werden. Am 18. August dann, von 14-18 Uhr, kommen die Kids auf ihre Kosten. Für Leib und Seele wird gesorgt,Clowns, Kindertanzgruppe und DJ lassen garantiert keine Langeweile aufkommen.

Übrigens: die Nachbar-Kleingartenkolonie Abendruh e. V. feiert eine Woche zuvor ihren 100. Geburtstag: Am 10. August 2019 ab 15 Uhr findet der Festumzug statt, danach Musik, Tanz und Fröhlichkeit. Der Tag endet mit einem Feuerwerk.

Am 11. August folgt das Kinderfest mit vielen Überraschungen von 15-17 Uhr.

Jacqueline Lorenz

Kleingartenanlage Sonnenschein-Lichterfelde e. V.

Eingang Hochbaumstraße 32
14167 Berlin-Lichterfelde

Kontakt:
Wolfram Häntzschel
Telefon: 0176 / 347 806 37

E-Mail: kol.sonnenschein@t-online.de
www.kga-sonnenschein.de

Anzeige
RehbeinDie Autowerkstatt Kamenzer DammNippon SportstudioMÄHRENBestattungsinstitut

© Gazette Verbrauchermagazin GmbH 2019