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Drei Frauen aus Westend

Weltumfliegerin, Schauspielerin und Künstlerin im Widerstand

Erschienen in Gazette Charlottenburg September 2019
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Die Liste prominenter ehemaliger und aktueller Bewohner in Westend ist lang. Unter den zahlreichen Künstlern, Wissenschaftlern und Politikern, die hier lebten, sind auch zahlreiche Frauen. Darunter die Pilotin Elly Beinhorn, die Schauspielerin Anny Ondra, die am Sachsenplatz 12 (heute Brixplatz) wohnte und Oda Schottmüller, die von den Nazis enthauptet wurde.

Weltumfliegerin Elly Beinhorn

Die Sehnsucht nach dem Fliegen hatte Elly Beinhorn laut ihrer Biografie bereits in ihrer Kindheit, die sie in Hannover verbrachte. Sie empfand die Stadt als eng und litt unter dem Status als Einzelkind. 1928 verließ sie Hannover und ging nach Berlin, um gegen alle Widerstände eine Flugausbildung zu beginnen. Der Hannoversche Aeroclub hatte die Ausbildung einer Frau abgelehnt, Berlin gab ihr eine Chance.

1929 war sie ausgebildete Pilotin und kaufte ihr erstes Flugzeug. Die Raten zahlte sie nach und nach ab. Als mutige Kunstfliegerin machte Elly Beinhorn sich einen Namen und konnte so bald von der Fliegerei leben. Bei einem Flug von Berlin nach Rom kam eine Notlandung in den Alpen dazwischen. Die junge Fliegerin kam in die Schlagzeilen und lernte darüber eine andere Pilotin kennen. Diese hatte zwar kein eigenes Flugzeug, aber einen Sponsor. Die beiden Frauen begannen eine Zusammenarbeit. Doch die Kunstfliegerei genügte Elly Beinhorn auf Dauer nicht. Sie wollte Langstreckenflüge.

Bei ihrem ersten Afrikaflug wurde sie von der B.Z. am Mittag unterstützt. Das nächste große Projekt war ihr Alleinflug um die Welt, der am 4. Dezember 1931 begann. Nach einer abenteuerlichen Reise, die sie in dem Buch „Ein Mädchen fliegt um die Welt“ beschreibt, traf sie im Juli 1932 wieder in Berlin ein. Viele weitere Flüge folgten. Im September 1935 lernte sie den Rennfahrer Bernd Rosemeyer kennen. 1936 heirateten sie. Elly flog ihn zu einem Rennen nach Südafrika. Auch Bernd Rosemeyer begann zu fliegen. Die Ehe dauerte noch nicht einmal zwei Jahre – Bernd Rosemeyer starb im Januar 1938 bei einem Rekordversuch auf dem Nürburgring. Der gemeinsame Sohn war gerade zwei Monate alt.

Sie verarbeitete den Tod ihres Ehemanns in einem weiteren Buch: „Mein Mann, der Rennfahrer“. Das Fliegen half ihr, die schwere Zeit zu überstehen. Ihr zweiter Mann war Karl Wittmann, ein Industriekaufmann. Sie heiratete ihn 1941 und sie lebten gemeinsam in der Bayernallee 10. Als die Bombardierung Berlins begann, verließ sie mit ihren mittlerweile zwei Kindern die Stadt. Sie hatten verschiedene Quartiere und lebten schließlich in Trossingen, in Baden-Württemberg. Nach Kriegsende war das Fliegen für deutsche Bürger zunächst verboten. Elly Beinhorn ernährte sich und ihre Kinder – von ihrem Mann hatte sie sich getrennt – durch Vortragsreisen. Nachdem das Fliegen wieder erlaubt war, nahm sie erneut an Kunstflügen teil. Elly Beinhorn wurde 100 Jahre alt und durfte an ihrem 100. Geburtstag dank der Vereinigung Deutscher Pilotinnen noch einmal in ein Flugzeug steigen, um das Alpenvorland von oben zu sehen.

Anny Ondra – die Schauspielerin

Die deutsch-tschechische Schauspielerin erblickte Anfang des 20. Jahrhunderts in Tárnow das Licht der Welt. Heute gehört Tárnow zu Polen, damals war es Teil von Österreich-Ungarn. Die junge Anny wuchs in Prag auf und kam schon mit 16 Jahren zur Schauspielerei. Anfangs war ihr die Rolle des quirligen Teenagers auf den Leib geschneidert, später entwickelte sie sich zur bekanntesten Komikerin im tschechischen Film.

Auch in Deutschland flogen ihr die Herzen zu und sie war in vielen Hauptrollen zu sehen. Ein berühmter Regisseur mit dem sie zusammenarbeitete war Alfred Hitchcock. In seinem Film „Erpressung“ stellte sie eine Mörderin dar – ein Novum bei Hitchcocks Filmen. Der Film hatte zwei weitere Besonderheiten – er war der erste englische Tonfilm und der erste synchronisierte Film. Da Anny Ondras nur wenig Englisch sprach, bewegte sie nur die Lippen, während eine englische Schauspielerin zeitgleich den Text sprach. 1933 heiratete sie einen bekannten Sportler: den Boxer Max Schmeling. Gemeinsam mit ihm spielte sie in dem 1935 gedrehten Film „Knock-Out“. In der Nachkriegszeit spielte sie nur noch in einem Film eine Hauptrolle, dem Operettenfilm „Schön muss man sein“ von 1951. Das letzte Mal war sie 1957 mit einem Auftritt in dem Film „Die Züricher Verlobung“ zu sehen, bevor sie sich ins Private zurückzog.

Oda Schottmüller, eine Künstlerin im Widerstand

Die Enkelin des Historikers Waldemar Konrad Schottmüller – nach ihm ist die Schottmüllerstraße in Lichterfelde benannt – lebte in der Reichsstraße 106. 1905 in Posen geboren, absolvierte sie zunächst eine Ausbildung im Kunsthandwerk, daran schloss sich eine Tanzausbildung in Berlin an. Parallel zum Tanz durchlief die vielseitig interessierte Künstlerin die Bildhauerklasse im Verein Berliner Künstlerinnen. Später verband sie beide Richtungen indem sie selbst angefertigte Masken während ihrer Tanzauftritte trug. Im Nationalsozialismus kam sie in Kontakt mit Widerstandskämpfern.

Da sie durch ihre künstlerische Tätigkeit viel in Deutschland und im Ausland reiste, nutzte sie alle Möglichkeiten, um Unterlagen der Widerstandsbewegung Rote Kapelle zu überbringen. Ihre Wohnung wurde zum Drucken von Flugblättern genutzt. 1942 verhaftete man die Künstlerin. Sie wurde wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und am 5. August 1943 in Plötzensee enthauptet. Vor ihrer früheren Wohnung in der Reichsstraße 106 liegt heute ein Stolperstein für die mutige Künstlerin.

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