FREI DAY am Freilandlabor Zehlendorf
An der frischen Luft lernen mit Stupsi, Milka & Co

Erschienen in Gazette Zehlendorf April 2025
Das Freilandlabor Zehlendorf an der Sachtlebenstraße 30 ist beliebter Lern- und Erkundungsort für die Schulen im Bezirk. Es liegt in einem vier Hektar großen natürlichen geschützten Feuchtgebiet, das Überbleibsel des ehemaligen Siepegrabens und Bäketals ist. Aber nicht nur Molch, Frosch und Moorfrosch leben hier in direkter Nachbarschaft zum über die Jahre entstandenen Bruchwald und dienen als lebendige Anschauungsobjekte für kleine Naturschützer: 2021 zog auf dem Gelände ein Schulbauernhof ein, der sich dank der fachkundigen pädagogischen Leitung von Tiermedizinerin Dr. Claudia Schlüter zum nicht weniger beliebten Lernort entwickelt hat. Das Lehrpersonal auf dem kleinen Bauernhof am Rande der Stadt besteht aus krähenden und mähenden Kräften, die für Streicheleinheit, Fellpflege und Futterhonorar gerne Einblick in ihren Alltag gewähren. Auch das Lernformat FREI DAY hat diesen besonderen Bauernhof für seine Schülerinnen und Schüler entdeckt und mit engagierten Pädagogen wie Kerstin Raasch und Franziska Termühlen von der Zinnowwald-Grundschule zum regelmäßigen Lernort erkoren. Ohne Noten-Bewertung und Zeiteinschränkung können junge interessierte Naturfreunde hier viel zu Zukunftsthemen, Klima-, Umwelt- und Tierschutz sowie gesundem Landleben erfahren und jahrgangsübergreifend regelmäßig einmal die Woche mit eigenen Projekten vertiefen. Bedingung dieses Lernformates ist, dass behandelte Zukunftsfragen etwas mit den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen zu tun haben.

Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen
Die teilnehmenden Schüler am FREI DAY erfahren Selbstwirksamkeit, indem sie globale Themen wie Klimawandel, Armut und Nachhaltigkeit auf ihren lokalen Kontext anwenden. Sie initiieren Projekte, die sie dann vor Ort in ihrer Schule, Gemeinde oder Stadt umsetzen können. Dabei lernen die Schüler wichtige Zukunftsfähigkeiten und festigen vorhandenes Wissen. FREI DAY baut Brücken zwischen Inhalten der Unterrichtsfächer und praktischer Anwendung dieses Wissens, schafft außerdem bereits in jungen Jahren Freiräume für Mitgestaltung und Engagement zugunsten einer zukunftsfähigen Welt. Margret Rasfeld, ehemalige Schulleiterin der Evangelischen Schule Zentrum Berlin, ist Mitbegründerin der „Schule im Aufbruch gGmbH“. In ihrem gleichnamigen Buch aus dem Jahr 2021 hat sie den „FREI DAY“ begründet. Laut ihrer Aussage machen bundesweit bereits 111 Schulen und über 11.000 Schüler mit. Und sie hat ein klares Ziel: Bis Ende 2025 sollen es 13.500 Schulen sein. Derzeit beteiligen sich im Bezirk Steglitz-Zehlendorf die Schweizerhof Grundschule, die Steglitzer Grundschule an der Bäke, die Mühlenau-Grundschule, die Grundschule am Insulaner sowie die Zinnowwald Grundschule. Diese Schule kooperiert im Rahmen des FREI DAY u. a. mit dem BUND, dem Haus der Jugend und der Gartenschule Steglitz. Ehrenamtlich Mitarbeitende sind stets willkommen, mehr als eine Lehrkraft pro FREI DAY wird nicht freigestellt. Kerstin Raasch erzählt, dass man sich bereits an Unis gewandt hat: „Es wäre für alle eine Win-Win-Situation, wenn Studierende in FREI DAYS für ein halbes Jahr scheinpflichtig einbezogen werden könnten.“

Für ihre Nachhaltigkeits-Projekte wurde die Zinnowwald-Grundschule mehrfach ausgezeichnet und im Juni 2024 zur „Umweltschule in Europa – Internationale Nachhaltigkeitsschule“ ernannt. Lehrerin Kerstin Raasch kann durchaus als Mitinitiatorin der FREI-DAY-Angebote bezeichnet werden, brachte sie doch den Gedanken 2023 ins Lehrerzimmer. Stolz ist sie auf den Einsatz und das Interesse ihrer Schülerinnen und Schüler an Projekten zum FREI DAY: „Sie haben beispielsweise ein Projekt gestartet, wie Kindern auf dem Schulhof geholfen werden kann, die niemanden zum Spielen haben, und dafür eine Gemeinschaftsinsel auf dem Schulhof entwickelt. Sucht ein Kind Hilfe, stehen Kinder in gelben Westen als Helferkinder bereit, um sich um dieses Kind zu kümmern. Dieses Projekt gewann im Rahmen der ZEIT LEO Weltretter-Mission die Kategorie „Mutmachmission 2023.“ Und auch ein umweltfreundliches Benefiz-Fußballspiel planten und veranstalteten Schülerinnen und Schüler der ersten und zweiten Klasse im vergangenen Jahr im Rahmen ihrer Bewerbung um den Titel „Umweltschule“. Die Einnahmen daraus gingen an den Verein Pfeffersport, in dem beeinträchtigte und nichtbeeinträchtigte Menschen zusammen Sport machen. Das Projekt wurde von den Schülern während der EM auf der Fanmeile in der ADIDAS-Arena vorgestellt und mit 1000 Euro prämiert. Und auch die Regenbänke, die von den Schülern als Regenfang zur Bewässerung des Schulgartens gebaut wurden, müssen erwähnt werden. Dass etwas hirnlose Ignoranten sie in sinnlosem Vandalismus zerstörten, unverständlich und gemein.

Kartoffelsuppe, Schafekuscheln und Heuballenrollen
Wir haben an einem kühlen Märzvormittag die 15-köpfige Dienstags-Gruppe der Zinnowwald-Grundschule begleitet, die alle zwei Wochen in ihrem FREI DAY-Projekt auf dem Bauernhof neben dem Freilandlabor Zehlendorf mitarbeitet, Wichtiges über das Landleben lernt und sichtlich Spaß daran hat. Derzeit wird das Angebot von interessierten Dritt- und Fünftklässlern wahrgenommen, soll aber bis 2026 auf Dritt- bis Sechstklässler ausgeweitet werden.

Nach dem gemeinsamen Morgenlied „Im Märzenwald“ geht’s an die Bauernhof-Arbeit.
Über dem knisterndem Feuer wartet ein noch leerer Eisentopf auf seinen Inhalt, eine kräftige Kartoffelsuppe. Akkurat werden von Schülern und Lehrerin Raasch Zwiebeln, Kartoffeln und Möhren für das gemeinsame Mittagessen an der frischen Luft geschnippelt. Die Hühner freuen sich über Gemüsereste, gackern fröhlich durcheinander und scharren aufgeregt in noch unbepflanzten Hochbeeten. Im großen Weidenkorb die von den Schülern mitgebrachten Suppenzutaten, etwas knapp bemessen heute sind die Würstchen, dafür ist mehr Brot da.
Auf großer Tafel die ToDo-Liste für diesen Vormittag: Hofhund „Aju“ bürsten, Hühner und Schafe füttern, Samen für Tomaten und Kürbisse auf Töpfe zur Vorzucht verteilen. Um 12 Uhr muss alles fertig sein, dann wird die Heulieferung erwartet. Jeder Schüler, jede Schülerin hat sich schnell in seine Aufgabe eingefunden, alles läuft Hand in Hand. Besonders beliebt ist die Arbeit bei den Schafen Flecki, Schecki und Stupsi.

Zwei Mutterschafe haben je drei Lämmer, nur ein „Mädchen“ ist dabei: „Milka“ ist ein Flaschenkind und bei Dr. Claudia Schlüter in besten Händen. Alle Tiere sind den Umgang mit Menschen gewohnt, lassen sich deren Streicheleinheiten nur zu gerne gefallen. Die Schüler packen kräftig mit an, zeigen mir stolz die Komposttoilette, erklären, dass sie die vorgesäten Töpfe daheim auf der Fensterbank zu kleinen Tomaten- und Kürbispflänzchen vorziehen wollen, die dann in die Hochbeete gesetzt werden. – Kleine „Jungbauern“, die schon erstaunlich gut Bescheid wissen.
Die Erklärungen von Claudia und den ehrenamtlichen Mitarbeitern, die u. a. aus dem Mittelhof kommen, ist kindgerecht verständlich und locker, spielerisch lernt man hier Landalltag kennen. Auch Emilia und Lara sind dabei, heute mit der Kürbisaussaat beschäftigt. „Wir wissen schon etwas, wie es im Garten zugeht“, verraten sie, haben beide daheim einen Garten am Haus. Worauf sie sich freuen? „Auf den Sommer, wenn wir hier Brombeeren pflücken und Wildkräuter sammeln können“, erklären beide wie aus einem Mund. Sie erzählen vom Melkführerschein, der im letzten Jahr gemacht werden konnte und davon, wie Schafmilch schmeckt. Dann kommt die Heulieferung, gerade als die Kartoffelsuppe fertig ist und dampfend im Topf überm Feuer auf viele hungrige Münder wartet. Doch gemeinsam sind die Heuballen schnell aufs Gelände gerollt, unter lautem Lachen und Gejohle. Für die Stadtkinder ein Heidenspaß.

Und schon wenig später sitzen alle gemeinsam ums Feuer und löffeln ihre Suppe. Hofarbeit macht hungrig. – Fast bekommt Claudia nichts mehr ab, und Hund „Aju“ hofft vergebens auf Wurstzipfel.
– Ein wenig heile Welt am Rande der Großstadt dank FREI DAY, Tieren, Pflanzen und Menschen, die Naturgeheimnisse kennen, verstehen und der jungen Generation spannend zu vermitteln wissen.
Jacqueline Lorenz