Gazette Verbrauchermagazin
Steglitz-Zehlendorf

Beratungsstelle für mehr Artenvielfalt

Botanischer Garten Berlin schafft Wissen

Duftscabiose, eine der seltensten Pflanzen Berlins. Foto: Elke Zippel / bo.berlin
Duftscabiose, eine der seltensten Pflanzen Berlins. Foto: Elke Zippel / bo.berlin

03.04.2025: Die städtische Grünanlage nebenan, die Kleingarten-Parzelle um die Ecke und der Vorgarten am Haus – sie alle können von der neuen Botanischen Bürgerberatungsstelle am Botanischen Garten profitieren und die Hauptstadt ein gutes Stück reicher an naturnaher Begrünung mit gebietseigenen Pflanzen machen, die aus regionalem Saatgut sprießen. Gefördert von der Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt (SenMVKU), verbindet die neue bezirksübergreifende kostenlose Beratung am Botanischen Garten Berlin gärtnerische Expertise der Institution mit neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft. Sie ist Teil der Umsetzung der 2012 ins Leben gerufenen Berliner Strategie zur Biologischen Vielfalt. Leiterin der neuen Botanischen Beratungsstelle für Berlin „Urbane Biodiversität, Stadtökologie und botanischer Artenschutz“ ist Philine Zieschang.

Philine Zieschang
Philine Zieschang, Leiterin der neuen Beratungsstelle. Foto: bo.berlin

Fachberatung für alle Bezirke

Die Stadtgrün-Expertin sammelte bereits als Studentische Hilfskraft am Göttinger Herbarium, Albrecht-von-Haller-Institut für Pflanzenwissenschaften der Georg-August-Universität Göttingen, wichtige Erfahrungen in den Bereichen Systematik, Biodiversität und Evolution der Pflanzen. Nach ihrer Masterarbeit war Philine Zieschang am Fachbereich Umwelt und Stadtgrün, Bereich Forsten, Landschaftsräume und Naturschutz Hannover an der Entwicklung des Konzeptes zum Management von invasiven Neophyten, Baumschutz beteiligt. Seit Februar 2025 hat sie nun die Leitung der Berliner Beratungsstelle. Mit Spannung, aber auch viel Freude sieht sie ihrer neuen Aufgabe entgegen: „Es wird allerhöchste Zeit, dass wir uns verstärkt und gemeinsam gegen das Artensterben und damit gegen den Verlust der Biodiversität in unserer Stadt stemmen. Und das ganz konkret beispielsweise mit der Verwendung von geeignetem Saatgut. Denn Saatgut ist nicht gleich Saatgut. Nicht alle Wildblumen-Samen – wenn sie auch ‚Bienenfreunde‘ heißen – sollten bedenkenlos irgendwo ausgestreut werden. Viele Menschen möchten helfen, einige richten damit jedoch unbewusst eher Schaden damit an. Wir wollen daher die vielen Hobbygärtner*innen unterstützen, die sich mit Fragen an uns wenden.“

Prof. Dr.Thomas Borsch
Prof. Dr.Thomas Borsch, Direktor des Botanischen Garten Berlin. Foto: bo.berlin

Pflanzenerhalt für eine gesunde Vielfalt

– Dringend nötig, denn obwohl Berlin zu den grünsten Hauptstädten Europas zählt, leiden die Berliner und Brandenburger Pflanzen unter deutlichem Defizit: Von den 1.500 heimischen Farn- und Blütenpflanzen gilt immerhin ein Sechstel bereits als ausgestorben oder verschollen, ein Drittel der restlichen Arten als gefährdet. Es ist höchste Zeit zu handeln. Thomas Borsch, Direktor des Botanischen Garten Berlin in Steglitz, bringt es auf den Punkt: „Wenn wir auf unseren Städtischen Flächen keine austauschbare ‚Blühkultur aus dem Baumarkt‘ haben wollen, dann müssen wir jetzt gemeinsam handeln. Dafür brauchen wir in der Breite der Berliner Stadtbevölkerung mehr Wissen über botanischen Artenschutz. Mit unserer neuen Beratungsstelle setzen wir genau da an. Wir freuen uns auf den Austausch mit den Berlinerinnen und Berlinern ebenso wie auf den Dialog mit den Bezirken der Stadt – und wir verstehen unser Engagement als einen Baustein der aktiven Umsetzung der Berliner Strategie zur Biologischen Vielfalt.“

Prof. Dr. Thomas Borsch‘s Erkenntnis, neben den Kulturpflanzen keinesfalls ihre wilden Verwandten und Organismen zugunsten der allgemeinen Pflanzenvielfalt für die Zukunft außer acht lassen zu dürfen, knüpft an Alexander Humboldts „Fähigkeit des Zusammendenkens“ an, die eine traditionell starke Verknüpfung zum Naturgut mit ihrer 300-jährigen Geschichte in der Forschung darstellt. So verfolgt auch Borsch mit seinem Team im 43 Hektar großen Botanischen Garten nachhaltige Ziele der Erforschung, Dokumentation, Präsentation, Erklärung und Erhaltung der Pflanzenvielfalt, befasst sich außerdem aber auch besonders mit der Erforschung gefährdeter Pflanzenarten in Berlin/Brandenburg.

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Botanischer Garten Berlin – Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis. Foto: Jon A. Juárez / bo.berlin

Botanischer Artenschutz im Blick der Wissenschaft

Als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis widmet sich die neue Beratungsstelle der urbanen Biodiversität und Stadtökologie sowie dem Artenschutz der Pflanzenwelt. Erkenntnisse der Wissenschaft fließen dabei in die praktischen Empfehlungen ein. Borsch erklärt: „Unser wissenschaftliches Kompetenz-Team hinter der Beratungsstelle gibt sein geballtes Know-how weiter – von der Dahlemer Saatgutbank bis hin zur aktuellen genetischen Forschung. In Kombination mit dem gärtnerischen Wissen unserer nahezu 350-jährigen Institution und unserer Erfahrungen im praktischen Artenschutz durch Projekte wie das bundesweite Wildpflanzen-Schutzprojekt ‚WIPs-De‘ können wir einen echten und einzigartigen Mehrwert für den botanischen Artenschutz im Land Berlin leisten.“ Schließlich laute die Botschaft, dass die Menschheit sich mithilfe der Wissenschaft in die Natur einmischen dürfe, um künftig besser mit ihr leben zu können – und zwar in den Nischen, die sie für uns bereithält. Dementsprechend sollten wir unser Handeln anpassen und ausrichten, anstatt uns die Natur untertan zu machen.

Pilotprojekt an prominentem Knotenpunkt

Die Förderung von Wissen rund um „regionales Saatgut und gebietseigene Pflanzen“ ist ein erstes Pilotprojekt der Beratungsstelle. Darüber soll das Bewusstsein der Stadtgesellschaft für naturnahe Lebensräume im urbanen Bereich gestärkt werden. Begleitend zur Beratung sind für Sommer und Herbst 2025 mehrere Workshops für unterschiedliche Zielgruppen geplant. Die Beratungsstelle am Botanischen Garten ist neben der Beratungsstelle der Stiftung Naturschutz Berlin eine von zwei neuen Beratungsstellen, die sich dem Erhalt der Biologischen Vielfalt in Berlin verschrieben haben. Beide Institutionen haben im vergangenen Jahr ein Memorandum of Understanding mit dem Ziel gemeinsamer Berliner Projekte unterzeichnet.

Der Botanische Garten Berlin ist mit seinen nahezu 20.000 Pflanzenarten der größte Deutschlands und weltweit einer der bedeutendsten. Als Internationales Wissenszentrum der Botanik macht er Botanik in allen Facetten erlebbar. Als Knotenpunkt der internationalen Biodiversitätsforschung sowie als Ort der Wissensgenerierung und -vermittlung beschäftigt er über 200 Mitarbeitende. Er verfügt mit seinem Botanischen Museum über Deutschlands einzigartige museale Einrichtung, die sich der Vielfalt der Pflanzenwelt, ihrer Bedeutung und der Darstellung ihrer Kultur- und Naturgeschichte widmet. Die Einrichtung gehört seit 1995 zur Freien Universität Berlin.

Weitere Informationen unter www.bo.berlin/botanische-beratungsstelle

Kontakt: Di. – Do. 9 – 12 Uhr unter Tel. 030 – 838 70 588 oder E-Mail beratung@bo.berlin

Jacqueline Lorenz

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